Hermannplatz #2

In Neukölln wollte nicht jeder wohnen. War für Schmidt in Ordnung. Kreuzberg hatte ihn nie gereizt. War nicht seine Welt. Er mochte das Rathaus mit seinem langen Turm. Auch den Hermannplatz. Nicht, dass da viel los gewesen wäre. Aber es war seine Heimat. War in Westberlin großgeworden. Hatte mit Ostberlin nichts am Hut gehabt. Damals nicht. Heute auch nicht. Der Karstadt am Hermannplatz war im 2. Weltkrieg beschossen worden. War damals ein imposantes Gebäude gewesen. Damals. Vor dem Krieg. Schon früher gab es die U-Bahn am Hermannplatz. Schmidt hatte schon immer im Karstadt gearbeitet. Keine große Nummer. Hatte nichts rechts gelernt. Hatte immer die Regale aufgefüllt. In der Früh. Am Abend. Auch am Samstag. Sein Geld war immer regelmässig gekommen. Hatte eine billige Wohnung. War zufrieden. Wenn er genug Geld hatte, ging er gern ins Tiefpunkt. Sportsbar. Fußball schauen. Bier trinken. Wetten. Wenn er kein Geld hatte, ging er auch hin. Anschreiben lassen. Manchmal gab es Ärger. Hier und da eine kleine Schlägerei. Schmidt hatte noch die meisten Zähne. Hielt sich meist raus aus dem Ärger. Nur wenn er großen Durst hatte, hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle. Dann kam die Wut über ihm. Kroch aus ihm heraus. Wollte dann am liebsten alles kurz und klein schlagen. Der Wirt schmiss ihn dann meist raus. Das eine oder andere Glas ging dabei schon mal kaputt. Manchmal blutete er dann aus der Nase. Eigentlich hätte er gern eine Freundin gehabt. Aber meist hielt die Beziehung nicht lange. Der Karstadt war damals topmodern gewesen. Direkter U-Bahnanschluss. Heute war der Karstadt nichts besonderes mehr. Vom alten Glanz war nicht viel geblieben. Schmidt mochte ihn noch immer. War sein zuhause. Viel mehr hatte er nicht. In der Früh ging er immer hin. Regale auffüllen.

Nacht in Paris #2

Baudelaires Sterne nicht gefunden beim

Gang durch die Stadt, Wolken, nichts als

Wolken am Firmament, nicht geliebt diese

Wolken, nicht geliebt, wollt die Sterne

erblicken über den Straßen von Paris.

Verloren. In der Dunkelheit.

Verloren. Schwarz der Himmel. Pechrabenschwarz.

Durchs Mark zieht das Geheuel

der Wölfe. Die Sterne

nicht gefunden.

wenn die nacht am tiefsten ist #3


wenn die nacht am tiefsten ist, nicht enden wollend

schon früh gehen wir zur ruh, die sonn´ 

wendet sich, welch vermessen, nimmt sie doch 

nicht ihren lauf

wenn die nacht am tiefsten ist, die lichter brennen

gegen das dunkle an, auf der ofenbank

gewärmt die neuesten wörter zwischen dem knisternden

holz und der heißen glut

wenn die nacht am tiefsten ist, die schweren 

schuh des wanderers zum wärmen,  das gesammelte 

schweigen wäre gold wert,  heinrich böll kam

nur bis sparta, der engel schweigt

wenn die nacht am tiefsten ist

lichterfest

chanukkia-leuchter frisch poliert,  bald 

beginnen würde das lichterfest, schwer

gefüllte einkaufstüten füllen die straßenbahn

schwere nebelwolken drücken auf die

häuserdächer, weihnachtsmänner vom

studentenwerk haben ihre mützen längst

verloren,  unendlich lang schien die nacht 

der wintersonnenwende, kahle bäume

stieren dich an, bald beginnen würde das

lichterfest, neu der tempel errichtet

auf der wiese blühen keine krokusse

am fenster grüßt dich der christstern

bald beginnen würde, bald

vier tage vor weihnachten


die fleischerhaken im kühltransporter
leer, murmeltiere haben das weite
gesucht, verrutscht der wörter hall,
keine milch gibt heut die ziege, ein
lächeln läuft über dein gesicht
blätter verloren im dezembersturm
die buchenhecke, längst entzweigerissen
dein herz, verflogen im föhn der tage, im
regal des vorratkellers die ernte
des mirabellenbaumes unaufgeräumt
stapeln sich die blätter, die
morgengymnastikfindet täglich
im kopf statt