den winter hat sie nie gemocht #2


schwer der gang über den
flur. zwischen küche, bad und
stube ihr ganzes revier. vor die
tür kommt sie nur noch selten. in


den 1. stock schon gar nicht. sie
kommt vom land und lebt vom
land. immer bäuerin gewesen.
die furchen des ackers und die
falten des gesichts gleichen immer


mehr. im stall ist schon lang kein
vieh mehr. alle kühe verkauft. ihre
knie machen schnell schlapp. einer
der kinder schaut immer nach ihr


die haare kann sie nicht mehr selber
machen. wenn sie am herd steht
macht sie am liebsten suppe. die
wärmt. von außen. von innen. den
winter hat sie noch nie gemocht

Nowosibirsk: Gruschenka #2

Gruschenkas Familie lebte schon immer hier in Sibirien. Die Transsibirische Eisenbahn überspannte den Ob. Gruschenkas Großvater hatte am Bahnhof gearbeitet, als die neue Brücke und die Transsibirische kam.Weit vom Ural entfernt schon, ganz und gar nicht in Europa. Die Brücke über den Ob blieb nicht die einzigste. Die Romanows haben schon lange nicht mehr ihre Hand auf dem Land. Auch Gruschenkas Vater hatte am Bahnhof gearbeitet. Der Ort, an dem die Brücke stand, war ein größeres Dorf, Nowonikolajewsk, erst später wurde daraus Nowosibirsk, Immer schon teilte sich hier die Welt. Irgendwie war Nowosibirsk immer noch nach Westen schauend und doch auch schon längst Osten. Einmal ist ihr Großvater sogar die ganze Strecke gefahren. War eingeladen worden. Fuhr von Nowosibirsk nach Moskau. Und von dort bis zum Pafizik, bis nach Wladiwostok. Gut 9000 Kilometer Zugstrecke. Großvater hatte gern von der Fahrt erzählt. Auch ihr Vater war einmal die ganze Strecke gefahren. Gruschenka nie. Heute fuhren die meisten mit dem Auto oder LKW. Früher war mehr los gewesen am Bahnhof. Aus dem Dorf war aber längst eine große Stadt geworden. Viele hatten gute Geschäfte gemacht. Gruschenkas Familie hatte immer nur am Bahnhof gearbeitet. Gruschenka hatte dort nicht arbeiten wollen. Aber ihren Mann hatte sie dort kennengelernt. Heute wohnen über eine Millionen Menschen in Nowosibirsk. Gruschenka hatte früh mit der Geige angefangen. Heute spielt sie in der Oper. Sie hat ein gutes Taktgefühl. Muss wohl an den Zügen liegen. Ihr Mann war schnell wieder weggefahren aus Nowosibirsk. War ihm zu kalt gewesen. Kam aus Odessa.

hinter warschau #2

hinter warschau das ende der

welt. leer werden die straßen.

see liegt an see. im winter gehen

die weißen farben ineinander über.

alleen führen durch die landschaft.

masuren vor den füßen. fischer werfen

ihre netze aus. reiher warten auf ihr essen.

preußen ist schon lange vorbei. russland

nah und weit. suleyken ist nirgends und

überall. wodka hilft dir gegen die beissende

kälte. die sonne verborgen im nebeldunst.

hirsche im unterholz auf der suche.

die jungen leute sind in die große stadt

gezogen, leben abstinent. das geschlachtete

schwein färbt den schnee rot. aufgefangen

das blut. festtag. hinter warschau

Shanghai-Imbiss #2

Die Nächte waren kalt in Berlin zwischen den Jahren. Alex hatte mit Weihnachten nicht viel am Hut gehabt. Mochte seine Familie nicht besonders. Traf lieber Freunde. Die Nächte waren lang in Berlin. Silvester noch weit. Wenn er sich mit Freunden traf, ging er oft zum Chinesen. Der Shanghai-Imbiss war um die Ecke. Die Speisekarte hing in bunten Bildern draußen an der Wand. Meist nahm er was mit Huhn oder Ente. Die Kosten hielten sich in Grenzen. Das Essen schmeckte anders als daheim und satt wurde er auch. Danach war noch genug Geld übrig für das eine oder andere Bier. Manchmal kam zu dem anderen Bier noch ein weiteres dazu. Wenn es kalt war, auch einen Schnaps. Und es war kalt zwischen den Jahren. Da konnte es nicht schaden, wenn sich die Kosten für das Essen in Grenzen hielten. Schließlich hatte er ja auch Durst. Alex war nicht immer glücklich mit seinem Leben, aber wenn er den Durst stillen konnte, dachte er weniger darüber nach. Gute Vorsätze hatte er keine fürs Neue Jahr. Warum hätte er auch welche haben sollen. Beim Chinesen gab es immer Platz. Warm war es auch. Darauf kam es an zwischen den Jahren. Er brauchte Wärme.