Kitschera: Lisonka #2

Lisonka wohnte unweit vom Baikalsee. Groß war der Ort nicht.  Sie hatte nicht viel gelernt in der Schule, war aber immer gut im Kopfrechnen gewesen. Hatte nach der Schule im kleinen Supermarkt Arbeit gefunden. Es gab alles, was die Leute aus Kitschera brauchten. Schön war der Laden eingerichtet. Die Wage war hellblau. Auch die Theke, auf der die Kasse stand. Nur die Kasse war nicht mehr hellblau wie früher. War durch eine neue ersetzt worden.  Warenwirtschaftssystem. Man konnte jetzt sogar mit der Karte zahlen. Zu kaufen gab es Milch und Wodka. Kartoffeln und Kraut. Auch Süßes gab es. Toilettenpapier. Als die Baikal-Amur-Eisenbahn gebaut wurde, entstand der Ort. Vorher hatte Lisonka mit ihrer Familie direkt am See gewohnt. Sie vermisste ihn oft. Hatte Sehnsucht nach ihm. Doch auch die Berge liebte sie. Doch die Baikal-Amur-Magistrale wird nur wenig befahren. Kitschera hat an Einwohnern verloren. Lisonkas Laden macht weniger Umsatz. Ohne die Bahn ist im Ort wenig los. Lisonkas Mann geht öfter am Fluss angeln. Wenn der Fang gut war, brät Lisonka am Abend den Fisch. Oder räuchert ihn. Ob der Supermarkt noch lange auf hat, weiß Lisonka nicht.

Tante Jewdokija #2

Tante Jewdokija lebte nicht weit vom Ural. Doch westlich. Am Rand von Europa. Sie hatte nicht viel. Aber einen großen Garten mit alten Apfelbäumen. Von ihrem Mann bekam sie eine kleine Rente. Ihr Haus hatte ein Dach. Wasser hatte es nicht. Sie musste immer zum Brunnen gehen. Dies viel nicht immer leicht. Die Toilette war hinter dem Haus. Sie hatte, was sie brauchte. Musste nicht klagen. Warum auch. Der Sommer war kurz gewesen. Doch Äpfel hatte es genug gegeben. Sie musste ja was haben zum Verkaufen. Ein paar Hühner hatte sie. Und Apfelbäume. Sie pflückte die Äpfel noch selber. Füllte sie in Eimer. Weiße Plastikeimer. Wenn der Herbst zu Ende ging, verkaufte sie die Äpfel an der Straße. Unweit von Revda wohnte sie. Direkt vor dem Ural. Die Autos fuhren meist nach Jekatarinburg. Sie ist selber fast nie in der Stadt. Einmal war sie dort in der Kirche gewesen. Kathedrale auf dem Blut. Dort wird dem letzten Zaren gedacht. Wo heute die Kirche steht, ist er 1918 ermordet worden. Sie ist kein Anhänger vom Zaren. Aber von Putin auch nicht. An irgendetwas muss sie doch glauben. Tante Jewdokija mag ihr Apfelbäume. Verkauft die Äpfel pro Eimer. Viel verdient sie damit nicht. Über Putin sagt sie kein schlechtes Wort. Sie will keinen Ärger. Ob es unter dem Zaren besser wäre? Sie weiss es nicht. Zum Leben hat sie genug. Hungern muss sie nicht. Das Wasser tragen fällt ihr manchmal schwer. Schnee fällt schon bei Zeiten. Es ist kalt geworden.

Nowosibirsk: Gruschenka II #2

Das Leben in Sibirien war nicht immer leicht für Gruschenka. Der Winter zog sich immer in die Länge. Die Nächte bitterkalt. Auch sie träumte von einer wärmeren Gegend. Doch es war ihr Land, ihre Heimat. Ein Bruder von ihr war nach Deutschland gegangen. Hatte dort Musik studiert. Verdiente mehr Geld als sie. Doch er musste sich auch immer wieder andienen. Gruschenka hatte eine feste Stelle. Darauf war sie stolz. Sie hatte es geschafft. Nicht leicht war die Ausbildung gewesen. Schon mit drei hatte sie mit der Geige angefangen. Immer kalte Finger gehabt im Winter. Auch am Konservatorium war es nicht warm gewesen. Überall gab es Schimmel. Feuchte Luft. Schlechte Fenster. Aber gute Lehrer. Strenge Lehrer. Verstanden keinen Spaß. Musik war Ernst. Dostojewski hatte sie gerne gelesen. Auch die Brüder Karamasow. Sie hat sich immer nach Demokratie gesehnt. Aber deswegen würde sie Russland nicht verlassen. Sie mochte ihre Arbeit. Gestern hatte sie Aida gespielt.

Jukebox #2

Johanniscafe. Nicht abgestürzt. Etwas muss schief gelaufen sein. Kuchen und Kaffee. Hat nicht mit Schafskopf gespielt. Wie auch. Schon wieder nichts in die Jukebox geschmissen. Später noch einmal wiedergekommen. Auf ein oder zwei Bier. Wienerle. Irgendwann in der Nacht. Es gab noch nüchterne Gäste im Café. Ist nicht immer so. Konnte noch nicht einschlafen. Warum auch. Die Nacht war noch lang.

Manchmal überkam ihn Heimweh #2

Manchmal überkam ihm Heimweh. Nach früher. Nach Kreuzberg. Heute wohnte er schon lange nicht mehr dort. Aber wenn er von seinem Computer aufstand, sein Büro verließ. Rief schnell dann ein paar Freunde an. Zum Treffen. Auf ein Bier. Musste aber erst heim. Sich umziehen. Mit so einem feinen Stoff konnte er sich da nicht blicken lassen. Während der Woche ging er selten dorthin. Zu gefährlich. Aber am Wochenende konnte nichts schief gehen. Da wars ihm egal. Ein Bier mehr oder weniger. Trinkteufel. Oder Jodelkeller. Seine Tattoos konnte man in der Arbeit nicht sehen. Wäre ihm unangenehm. Die Öffnungszeiten waren moderat. Aber heute, nach der Arbeit. Musste sein. Schnell aufs Rad. Calle hatte Zeit. Franz wollte es sich noch überlegen. Kaufte sich schnell noch Kippen. Das erste Bier war immer das beste. Seine Freundin ging lieber nicht mit. Seine Kinder auch nicht. Die passten hier nicht rein. Schnell ne Runde am Kicker. Die Nacht war noch lang.

Die weiße Landschaft #2

Sein Auto war nicht mehr das jüngste. Aber im Winter fuhr Franz doch hin und wieder mit ihm. Zur Arbeit. Oder schnell noch Freunde treffen. Zum Supermarkt. Die Kälte der Nacht gab der Batterie den Garaus. Sommergelb war sein Auto. Wirklich nichts für Angeber. Vier Räder. Innen nur ein wenig aufgeräumt. Manchmal rauchten seine Freunde im Auto. In der Früh war es nicht angesprungen. Minus zehn Grad. Nicht mehr gepackt. Nachbarn haben ihn angeschoben. Die KFZ-Werkstatt lag in einem Hinterhof. Sollten sich die Batterie einmal anschauen. Und ob sonst noch was fehlte. Zwei junge Polen. Verlangten nicht so viel. Hatte er beim Fußball kennengelernt. Jeden Mittwoch spielte er zum Spaß. Mit ein paar Jungs. Später gingen sie ins „Vereinsheim“. Musste sein. Aber heut musste er sich um seine alte Kiste kümmern. Die Bremsen waren auch nicht mehr die jüngsten. Am Wochenende fuhr er gerne über die Landschaften Richtung Horizont. Raus aus Berlin. Im Winter. In die weiße Landschaft. Bis zur Abenddämmerung.

Sein Paradies verloren #2

Der Mond nicht müde wird, sich immer noch um die Erde dreht. Schon so alt und doch leuchtet er in dunkler Nacht, als er heim ging. Er mochte die Sonntagabende nicht. Die Kneipen waren leer, als fürchteten die Leute den nächsten Morgen zu verschlafen. Tristesse gähnte ihn überall an. Die Freunde hatten auch keine Zeit herumzustreifen. Der Schnee schwoll an auf den Straßen, die Passanten watschelten dahin, auch die Autos kamen nicht auf Touren. Er sehnte sich nach zartem Moos und Frühlingsgezwitscher. Seine Hände froren in den Manteltaschen. Krimis im Fernsehen konnte er nicht ausstehen. Lieber noch ne Runde drehen. Im Berghain war er schon lang nicht mehr gewesen. Vielleicht sollte er ja noch zum Ostbahnhof fahren, die Himmelsposaunen wurden immer leiser. Die Straßenbäume waren weiß vor Kälte. Jetzt schnell noch eine Falaffel essen oder ein Gyros. Noch ein paar Mails checken. Er wollte auch nicht zu spät ins Büro kommen. Seinem Chef wars egal. Doch die Kollegin schaute immer so fragend. Die Wolken waren tief und dunkel. Vielleicht sollte er ja wie Proust leben. Der hatte auch sein Paradies verloren. Der Mond war schon längst von den Wolken verborgen.

Nowosibirsk: Gruschenka

Gruschenkas Familie lebte schon immer hier in Sibirien. Die Transsibirische Eisenbahn überspannte den Ob. Gruschenkas Großvater hatte am Bahnhof gearbeitet, als die neue Brücke und die Transsibirische kam.Weit vom Ural entfernt schon, ganz und gar nicht in Europa. Die Brücke über den Ob blieb nicht die einzigste. Die Romanows haben schon lange nicht mehr ihre Hand auf dem Land. Auch Gruschenkas Vater hatte am Bahnhof gearbeitet. Der Ort, an dem die Brücke stand, war ein größeres Dorf, Nowonikolajewsk, erst später wurde daraus Nowosibirsk, Immer schon teilte sich hier die Welt. Irgendwie war Nowosibirsk immer noch nach Westen schauend und doch auch schon längst Osten. Einmal ist ihr Großvater sogar die ganze Strecke gefahren. War eingeladen worden. Fuhr von Nowosibirsk nach Moskau. Und von dort bis zum Pafizik, bis nach Wladiwostok. Gut 9000 Kilometer Zugstrecke. Großvater hatte gern von der Fahrt erzählt. Auch ihr Vater war einmal die ganze Strecke gefahren. Gruschenka nie. Heute fuhren die meisten mit dem Auto oder LKW. Früher war mehr los gewesen am Bahnhof. Aus dem Dorf war aber längst eine große Stadt geworden. Viele hatten gute Geschäfte gemacht. Gruschenkas Familie hatte immer nur am Bahnhof gearbeitet. Gruschenka hatte dort nicht arbeiten wollen. Aber ihren Mann hatte sie dort kennengelernt. Heute wohnen über eine Millionen Menschen in Nowosibirsk. Gruschenka hatte früh mit der Geige angefangen. Heute spielt sie in der Oper. Sie hat ein gutes Taktgefühl. Muss wohl an den Zügen liegen. Ihr Mann war schnell wieder weggefahren aus Nowosibirsk. War ihm zu kalt gewesen. Kam aus Odessa.

Als Nietzsche kam nach Siels Maria #2

Als Nietzsche kam nach Sils Maria und

Wanderte über Tal und Berg, der Sonne

entgegen und dem Mond den Schatten

kommen sah und gehen, da wurde fröhlich

ums Herz ihm, die Gedanken fingen an zu

kommen, als wär gesund er und trunken vor

Glück, die Heiterkeit umgab ihn, drob in den

Bergen, drob in Sils

So kalt der See #Sils Maria 2

Gewesen im Waldhaus im Winter, in Sils, der Richter

der nicht traf den Nietzsche, doch war auch da der Kluge

Proust schon lang nicht mehr die Schmetterlinge

angeschaut am Maloja, der See lag weiß und kalt zu

Füßen, die Tannen wurden blau, der Corvatsch ganz rot vor

Neid und strahlt der Himmel prächtig als wären Billardkugeln

am Himmel, nahm die Farbe der Richter und

übermalte die Fotos, so kalt lag der See und doch

die Sonne schien