Abgestürzte Abendsonne #2



Abgestürzte Abendsonne. Landstraße an Landstraße.

Bäume umzäunt. Die Äcker verweist, nur vereinzelt

Spuren von Reh und Wildschwein. Der Jäger hinterlässt

tiefe Abdrücke auf dem Feldweg. Im Gebeinhaus

liegt einer. Aneinandergereiht die Hasen im

Schnee. Rot ihr Bett. An der schiefen Kiefer ein letztes

Halali. Der Himmel schwarz wie die Hölle. Funken

sprühen aus dem Ofen.

Stille Nacht #2

Die Luft war mild, als wäre Frühling. Im Garten kein Frostschaden zu sehen. Verwaist die Innenstadt. Als wäre nichts gewesen. Christkindlmarkt geschlossen. Einkaufsparadiese verriegelt. Nur die Backwarenverkaufsgeschäfte, die von einer Brotfabrik beliefert wurden, hatten noch am Morgen offen. Gegen Mittag kehrte auch dort Ruhe ein. Ein kurzes Durchatmen ging durch die Stadt. Schnell wurden noch einmal die Geschenke durchgezählt. Obwohl es für eine Korrektur eh zu spät war. Auch der Kühlschrank wurde mit Sorge überprüft, ob ja nichts fehle. Hurtig noch das eine Geschenk eingepackt. Die letzte Karte geschrieben. Die Christmette war erst später. Es würde noch lang dauern bis dahin. Er wollte nicht zuviel vorher trinken. Dann sang er immer falsch. Er wollte nicht falsch singen. Das laute Gegröle am Ende der Christmette störte ihn immer. Einen starken Kaffee würde er vorher trinken. Das half bestimmt. Leise würde er nach Hause gehen. Durch die schlafende Stadt. Leise.

Am tiefsten die Nacht #2



Am tiefsten die Nacht, nicht enden wollend

schon früh gehen Has und Igel zur Ruh, die Sonn´

wendet sich, welch vermessen, nimmt sie doch

nicht ihren Lauf, die Lichter brennen

überall gegen das Dunklean, auf der Ofenbank

gewärmt die neuesten Wörter zwischen dem knisternden

Holz und der heißen Glut, die schweren Schuh des

Wanderers zum Wärmen, das gesammelte

Schweigen wäre Gold wert, Heinrich Böll kam

nur bis Sparta, der Engel schweigt

Tauregen

Tauregen im Gebirg, in den Ohren der Wasserfall

feierlich wird der Schnee ausgewachsen, wir konstruieren

nur die Wirklichkeit, Jean Paul hasste das Erzählen, überall

werden noch schnell Tannenbäume heimgeschleppt, vor

den Küssen springen deine Finger über das Klavier, Maronen

werden ins Feuer gelegt, längst verschwunden die Berge

am Horizont, schwarzer Teppich am Himmelszelt,in deinem

Gesicht das Licht der Kerze, die Heilige Nacht naht

Winteranfang

Der Regen zeigte keine Spur von Schnee, die Arien

der Callas verstaubten im Archiv, früher radelte er

durch den Englischen Garten, schlohweiß geworden

sein Haar, die Wände seines Hauses voller Bücher

schnell wurden die letzten Weihnachtseinkäufe erledigt

Glühweindunst überall, der Flügel begleitete seine

Träume, Klavier seine Leidenschaft, den Gänsen ist es an

den Kragen gegangen, sein Gehirn spielt ihm einen

Streich, Masuren liegt nicht am Englischen Garten

Christbaumständer Genormt mussten die Christbaumständer sein, aufnehmen die Nordmanntanne, entnommen der Samen dem Kaukasus, fern, Lametta gab es bei der Großmutter verhängend den Plastikbaum, vergnügt laufen die Gänse über die Wiese, kein Unheil ahnend Autofahrer drängen in die vollen Parkhäuser übervolle Straßenbahnen spucken ihre Fahrgäste auf der Drehscheibe aus, streunender Hund am Wegesrand klebriger Glühwein auf dem Gehsteig, früh kommt die Nacht zu uns, Mayröcker einen Blumenstrauß, Obstler Brennt uns in der Kehle, seine Kette hat der Krampus verloren, im Stall grunzten die Schweine, auf der Ofenbank frisch gefallener Schnee

Spätkauf #2

Ohne Spätkauf konnte er sich ein Leben nicht vorstellen. Irgendwo in der weiten Wüste von Brandenburg zu leben ohne einen Spätkauf um die Ecke zu haben, würde ihn in Depressionen treiben. Starke körperliche Entzugserscheinungen auslösen. Alex mochte Berlin. Mochte den Prenzlauer Berg. Mochte seinen Spätkauf. Und seine Waren. Mehr brauchte er nicht. Alles, was er so brauchte, gab es dort. Sommer wie Winter. Auch zwischen den Jahren. Er war gerne spät dran. Stand spät auf. Ging spät zur Arbeit. Kam gerne spät heim. Hatte spät noch Durst. Oder Hunger. Oder brauchte was zum Rauchen. Ging zu Fuß hin. Oder radelte vorbei. Holte sich ein paar Flaschen Bier. Zigaretten. Oder Ravioli. Vitamine kaufte er dort manchmal auch in Flaschenform. Je fortgeschrittener der Abend, desto lustiger die Stimmung im Späti. Man kann sogar sein Paket dort abholen. Wenn man keinen Durst hat. Wenn die Freundin kam, konnte Alex sogar noch schnell ein Menu zaubern. Zumindest fand er die Zutaten, die seiner Kochkunst entgegenkam. Auf dem Land würde er verhungern müssen. Und verdursten. Ohne sein Berlin würde Alex eingehen wie eine vertrocknete Pflanze. Da war er sich sicher. Früher hatte er mal auf dem Land gelebt. Irgendwo in der Wüste. Meilenweit vom Nachschub entfernt. Kaum auszuhalten gewesen.

3. Advent

Der winterliche Nebel lag schwer auf dem

Gemüt, Sonne vergessen, nur die Kerzen der

Nacht erhellten, ach jauchzet, getröstet das

Volk, getröstet er, unter den Händen den Christstollen

die Domsingknaben geben ihr Bestes, zarter Schnee

liegt wie ein weißer Teppich über den Auen, Eilige

holen ihren Schlitten, Ochs und Esel wärmen sich

im Stall, Christsterne stehen auf der Fensterbank

leere Glühweinflaschen auf dem Bürgersteig

heute frisch aus dem Adventskalender geholt…

Mosaik Adventskalender. Schaut und lest…

Der Clown singt einsam seine Lieder #2

Böll auf der Domplatte versenkt. Köln schwankt.

Einer ist immer der Dichter. Über die Brücke ist man

schnell woanders. Rhein links liegengelassen. Tünnes und Schäl

weggelaufen. Zwischen Himmel und Erde kein Platz mehr.

Äpfel waren aus. Hlave Hahn musste reichen. Veggieburger.

Ein ganzer Hahn wäre auch Völlerei. Die rheinische Republik

längst abgewickelt. Der Rhein fließt nur noch dahin.

Der Clown singt einsam seine Lieder.