Enontekiö: Olavi

Von hier ist Schweden nicht weit. Menschen trifft man hier eher selten. Das gemeine Waldren fast öfter. Von den Rentierzucht kann man hier leben. Oder vom Tourismus. Die Winter sind dunkel und kalt. Hier gibt es ein paar Dörfer. Mehr nicht. Fast gibt es hier Berge. Oder zumindest Hügel. Nicht besonders hoch. Viel wächst hier auch nicht. Fichten und Kiefer tun sich schon schwer. Der Polarkreis liegt südlich. Was soll man da schon erwarten. Olavi züchtete Rentiere. Wie sein Vater. Und sein Großvater. Seine Familie hatte immer davon gelebt. Seit Jahrhunderten. Egal, ob sein Land zu Schweden gehörte oder zu Russland. Er lebte immer schon in Enotekiö. Mochte die kurzen Sommer, die nicht der Rede wert waren. Die Winter waren seine Zeit. Der unendliche Schnee sein Glück. Olavi liebte das Skilaufen. Wenn er Zeit hatte. Manchmal schrieb er auch Gedichte. Immer nur Tiere war ihm zu wenig. Er hatte auch schon einen Verlag für seine Gedichte gefunden. Viele Leser würde er wohl nicht finden. Zumindest nicht in seiner Sprache. Vielleicht würde man sein Buch ins Finnische übersetzen. Oder ins Schwedische. Dann hatte er bessere Verkaufschancen. Ein wenig Geld konnte er schon brauchen. So viel warfen die Rentiere nicht ab.

Die Reise

Hinter den Schneewolken versteckt harrte der

Mond auf seine Anrufung, auch die Sterne

wollten ihren Glanz nicht verstecken, im

Gehölz verirrte Stadtnomaden auf der Suche

 

nach dem Glück, das Ende der Erde ist immer

woanders, Steine versperren den Weg, die Reise

hat ihr Ziel noch nicht erreicht, die Seele in der

Dunkelheit verloren, Halt noch suchend

Schlafbox

Die Mitglieder hatten endlich abgestimmt. Die neue Bundesregierung konnte in Kraft treten. Dabei hatten die Bürger ja eigentlich bei der Bundestagswahl abgestimmt. Franz fand die Mitgliederabstimmung seltsam. Irgendwie fühlte er sich seiner Stimme beraubt. Aber was soll´s. Nun würde es wieder eine Regierung geben. Und dann würde man sehen, wie es so lief. Seehofer konnte endlich sein Amt aufgeben, Söder sich wie ein kleines Kind über seinen neuen Job freuen und dann konnte man entspannt auf Italien schauen. Eigentlich wollte Franz endlich mal die Schlafboxen am Münchener Flughafen ausprobieren. Vielleicht sich mit der Schreibmaschine dorthin zurückziehen. Oder zumindest mit dem iPad. War vielleicht ein kreativer Ort. Wenn einem nach Ruhe stand. Oder die Kälte zu groß war. Die Preise kannte Franz nicht. Kam wohl für Obdachlose nicht in Frage. Eher für SUV-Fahrer. Vielleicht gab es es Künstler-Rabatt? Zumindest in Zeiten schlechter Ausnutzung? Der richtige Ort zum Schreiben war ja immer ein Thema für Franz. Gern ging er in eine Bibliothek. Mochte die arbeitssame Ruhe. Ein Café war aber manchmal auch kein schlechter Ort. Doch meist war er dort nicht ganz so produktiv.

Oliven

Der Schnee unter den Füßen war weich geworden. Die Kälte der letzten Woche war am vergehen. Bald würden die zugeschneiten Blumen wieder hervorkommen. Schneeglöckchen. Krokusse. Narzissen und Tulpen würden auch gerne hervorkommen aus der dunklen Erde. Auf dem Markt die übliche Samstagsstimmung. Nur weniger Stände. Weniger Besucher. Nicht jeder mochte die Kälte. Auch nicht jede Ware. Franz war jetzt mit dem Fahrrad wieder länger unterwegs. Die Kälte zog nicht mehr so tief in die Glieder. Er verstieß auch nicht mehr gegen das Vermummungsverbot. Mütze und Schal reichten aus. Am Abend ein paar Freunde zum Essen. Über die SPD würden sie kaum sprechen. Da würden sie auf den Entscheid warten. Wein war in der Küche. Ein paar Kleinigkeiten würde es geben. Und feinen Käse. Auf den Taleggio freute er sich am meisten. Und auf die Taggiasca-Oliven. Mehr braucht Franz am Abend nicht.

Starkbier

Neue Atombomben brauchte eigentlich niemand. Einen konkreten Sinn hatte Franz darin auch früher nicht gesehen. Würde man sie einsetzen, könnte man sich auch gleich umbringen. Aber immer mehr Länder hatten ein großes Interesse daran. Die Liebe zur Bombe schien wieder in Mode zu kommen. Der scheidend bayrische Ministerpräsident musste heute über ein wenig fehlende Liebe klagen. Dabei hat er doch seine Partei auch nur benutzt. Franz war am Abend in der Bar. Viele Gäste wollten sich bestimmt dort wärmen. Am liebsten machte er ja den Gästen Kaffee. Doch bei dem Wetter tranken die meisten Whiskey. Dies war dem Franz auch recht. Solang die Gäste noch stehen und gehen konnten. Maria würde wohl später vorbeikommen. Drum ging er zu Fuß. War schon durchfroren genug. Der Wind hatte die Wangen rot gefärbt. Um den Nockherberg machte er einen größeren Bogen. Starkbiergäste waren oft schwach auf den Füßen.

In der Bar #2

An der viel zu langen Theke hockten die verlorenen

Gäste, den Weg noch nicht gefunden nach Haus

die Geschichten der Nacht wurden noch nicht zu Ende

erzählt, der Barkeeper wischt gelangweilt mit seinem

 

Lappen die Theke, hin und wieder schüttet er nach

die Zungen der Gäste bemühen, sich um eine klare

Aussprache, die Küche hat schon lange geschlossen

 

seine schwarze Fliege sitzt recht schräg am Hals

durch die großen Fenster werfen vereinzelt Autos

ihr Licht erhellen die Flaschen im Regal

zum Eis erstarrt

Süße Lieder nicht vom Baum gepfiffen

Bienen haben sich zurückgezogen,  gewandert

 

nicht über die grünen Auen, kein Veilchen nicht

auf der Wiese stand, als gingen vorüber, Michas

 

Farbfilme zeigen ganz andere Bilder, die Liebe ist

nichts für Feiglinge, der Schnee zum Eis erstarrt

 

Lichtmess #2

Die schweren Schuhe hinterliessen auf den nassen

Februarwegen ihre Abdrücke. Spatzen flogen schon

nervös umher, hinter den hohen Zäunen brannte nur hier

 

und da ein Licht, Mägde und Knechte werden schon lang

nicht mehr entlassen, die unzeitgemäßen Christbäume lagen

jammernd vor der Türe, bald wird sich hier und da ein

 

Schneeglöckchen trauen, unter den Wurzeln der alten Bäume

wohnen Träume. Maria zeigte das Kind, vierzig Tage nach der

Geburt, Herodes suchte umsonst in der dunklen Nacht

Seitenstechen #3

Frisch und wunderschön gedruckt im wunderfeinen homunculus-Verlag erschienen, die #3 von Seitenstechen, ein kleiner Text von mir ist auch dabei.

SeitenstechenIMG_1482

Hiddensee

Farbfilme liegen nicht mehr im Kühlschrank

Flugzeuge bringen die Passagiere nach Mallorca

Selfies noch schnell vor dem Abflug, Foto entwickeln

lassen will hier keiner mehr, das Buffet quillt über

 

lange Sommer auf Hiddensee längst vorbei, Zimmer

waren schwer zu bekommen, Dänemark nicht weit

der Sand in den Schuhen trieb die Sehnsucht, Micha

ist längst anderswo