Über unsere Köpfe hinweg

Zwischen den kleinen Bären
und dem großen Wagen
leuchtet der
spätsommernachtsdunkelblauer
Himmel, vorbei die
Glühwürmcheninvasion,
die Sternschnuppen müssen
gefangen werden, hin
und wieder fliegen
die Fledermäuse über
unsere Köpfe hinweg,
mühsam fliegen die
Wörter hinterher

Berlin / Kambodscha

Hipsterstadt, Berlin,
Stadt der Döner, Currywurst,
Backpacker ohne
Ende, du verlässt die

Stadt der Hartz IV – Empfänger.
Das Land der Khymer,
fern der Morgenröte
Schlange gegrillt, Spinnen

paniert anstatt Big Mac
und Farlaffel.
Kambodscha, das
Wasser aus der Leitung

ist dir nicht zum Trinken
empfohlen worden. Reis am
Morgen, am Mittag
am Abend. Dank

der früheren Kolonialherren
soll es hier und da noch Weißbrot
geben. Die Sprache der Khymer,
zwischen den Nähmaschinen

wirst du, Spule um Spule
lernen, manches klänge
bayrisch,du sagst,
„jam“ wäre „Essen“.

Aleppo vergessen

Aleppo vergessen
den Krieg, die Bilder,
weggeschoben das Grauen,
komplex der Konflikt,

die Götter besiegen sich
in den Wettkämpfen, da
bleibt keine Zeit für Beschuss,
Bombenangriffe, einstürzende

Behausungen. Dauert eh schon
viel zu lange, der Plot müsste
gewaltig gekürzt werden.
Die Welt zu Gast in Brasilien,

zu Gast die Welt in Syrien.
In den Werbepausen
Werbung für alkoholfreies Bier.
Hula-Hoop-Reifen umkreisen

die Welt. Der Staub des
Bombardements klebt
auf unserer Haut, zwischen
Feierabendbier und Chipstüte.

Den Spatzen

Den Spatzen den
Samen zum Fraß vorgeworfen
die Lücken zu schließen
auf der Wiese, die Löcher,
die die Wühlmaus hineingebohrt hat
auf dem Weg aus dem Bau.
Ein köstliches Abendmahl
für die hungrigen Vögel, herbeigeflogen
sie kommen aus der Hecke, zwischen
den Brombeeren und dem Hollerbusch.
Schon reifen die einen, der Holunder
noch grün. Die Spatzen werden
bald schlafen gehen.

Am Meer die Wellen

Die Plastikflaschen, als wäre ein Meer
so tanzten sie in der Tasche vor
dem Discounter, auf den Wellen
in den Automaten zur weiteren
Verarbeitung, der Einkaufswagen
voller Plastikwellen, als schwämmen
sie schon im Meer vor Genua
oder an der Atlantikküste.
Später, an der Kasse, gefüllt
wieder der Wagen mit neuen
Flaschen, Nachschub für den
Durst daheim. Am Meer die
Wellen tanzen.

Sommergeräusch

Sommergeräusch. In der lauen Sommernacht.
Leise. Manchmal näher kommend. Wenn die
Hand sich bewegt, meist schon zu spät.
Im Ohr. Viel Rauch um nix. Nur eine
Mücke. Sticht. Laune Sommernacht. Über der
Wiese. Auf der Terrasse. Der Weißwein wird
auch schon warm. Die Wespen lassen noch auf sich
warten. Der Nachbar grillt. Es juckt. Noch
ein Stich. Nur ein kleines Tier. Flügel.
Dünne Beine. Dich krieg ich noch.
Blut spritzt. Mücke tot.

Regentropfen klopfen

Regentropfen klopfen den Sommer
aus dem Hirn, die Brombeeren
warten noch auf ihre Pflücker,
den Tomaten ist es kalt, gelangweilt
läuft der Bademeister durchs Freibad,
nur hier und da vereinzelte Regenschwimmer.
Zum Füller greift die Hand, will
schreiben ein Sommergedicht.

Spätsommerglück

Zwischen dem blauen Spätsommerhimmel
und der nicht mehr ganz so grünen Wiese
liegt gerne die Sehnsucht. Sie möchte noch
bleiben, hoffen, das was wird. Doch
in den Nächten steigt die Kälte auf
und nimmt der Sehnsucht Stück
für Stück die Zuversicht.

Unter der Werkbank

Hin und wieder findet sich
zwischen den Sägespänen,
dem Abrieb unter dem Besen,
neben dem Abfall ein
fast schon vergessenes Wort, welches
mit viel Müh´aufgehoben, geputzt,
zusammengefügt oder neu zusammengesetzt
werden muss. So gefunden neulich,
unter der Werkbank, versteckt zwischen
vielen anderen Wörtern, die eher
überflüssig, unnötig oder nervig
erschien, das Wort Faulheit.
Welch wunderbares Wort, welch
geradezu obszön herrliches.

Zwischen den falschen

Zwischen den falschen und den richtigen
Existenzen, ein wahres Leben im
Falschen, ein verlorenes Leben im
Richtigen, zwischen den Buchstaben,

den Wörtern, die abgeschliffen, gesägt,
zusammengefügt, gepresst, geleimt
gehören, zwischen der Arbeit, die
das Geld in die Brieftasche bringt

und den Gedanken, die davonfliegen,
kaum ist im Büro das Fenster geöffnet,
schreibt der Autor, fern der Großfürstendichter,
fern der Villa, auf seiner Schreibmaschine,

in der Nacht, in der Früh, zwischen dem Tagwerk
und dem täglich Brot, fräst, bohrt, schmiedet
am Wort, am Satz, faltet und entfaltet,
am Abendhimmel die Sterne leuchten ihm.