Schlagwort: Berlin

Spätkauf

Ohne Spätkauf konnte er sich ein Leben nicht vorstellen. Irgendwo in der weiten Wüste von Brandenburg zu leben ohne einen Spätkauf um die Ecke zu haben, würde ihn in Depressionen treiben. Starke körperliche Entzugserscheinungen auslösen. Alex mochte Berlin. Mochte den Prenzlauer Berg. Mochte seinen Spätkauf. Und seine Waren. Mehr brauchte er nicht. Alles, was er so brauchte, gab es dort. Sommer wie Winter. Auch zwischen den Jahren. Er war gerne spät dran. Stand spät auf. Ging spät zur Arbeit. Kam gerne spät heim. Hatte spät noch Durst. Oder Hunger. Oder brauchte was zum Rauchen. Ging zu Fuß hin. Oder radelte vorbei. Holte sich ein paar Flaschen Bier. Zigaretten. Oder Ravioli. Vitamine kaufte er dort manchmal auch in Flaschenform. Je fortgeschrittener der Abend, desto lustiger die Stimmung im Späti. Man kann sogar sein Paket dort abholen. Wenn man keinen Durst hat. Wenn die Freundin kam, konnte Alex sogar noch schnell ein Menu zaubern. Zumindest fand er die Zutaten, die seiner Kochkunst entgegenkam. Auf dem Land würde er verhungern müssen. Und verdursten. Ohne sein Berlin würde Alex eingehen wie eine vertrocknete Pflanze. Da war er sich sicher. Früher hatte er mal auf dem Land gelebt. Irgendwo in der Wüste. Meilenweit vom Nachschub entfernt. Kaum auszuhalten gewesen.

München, Hauptbahnhof

Ankommen, fortfahren. Jeden Morgen. Aus Rosenheim. Aus Augsburg. Der Zug spuckt die Arbeiter aus. Laufen zügig zur U-Bahn, springen in die S-Bahn. Der eine nimmt noch schnell einen Kaffee. To go. Zeitungen werden weggeworfen. Schnell noch eine Mail gescheckt. Bei der Auskunft stehen ein paar Italiener und warten auf die Weiterreise. Der TGV kommt gleich und bringt die Reisenden in eine andere Welt. Polizisten kontrollieren ständig Passanten. Der ICE nach Berlin hat ein wenig Verspätung. Nach Rom? Wo soll ich hin? Zur Arbeit? Budapest? Wo war ich noch nicht und wollt hin? Vielleicht doch noch einmal nach Rom. Ist so schön die Stadt. Ich nehme auch einen Kaffee, dann kauf ich das Ticket.