Tiksi: Michail

Wer hier lebt, erwartet keinen Sommer. Wer hier lebt, liebt keinen Sommer. Wer hier lebt, der liebt den Winter, der liebt das Eis und den Schnee. Im Sommer fuhr Michail mit seinem Kutter auf das Meer. Schon in der Früh. Oft, bevor die Sonne aufging. Da gingen die Fische besser ins Netz. Im Winter konnte er nicht rausfahren. Im Winter fing er keine Fische. 

Tiksi ist im Norden. Hoch im Norden. Im Sommer bringt die Lena die Menschen her. Und die Waren. Hier wächst nichts, was man essen könnte. Fast nichts. Die Tiere finden schon was in der Tundra. Die Fische im Fluss und im Meer auch. Aber Ackerbau zu betreiben ist komplett sinnlos. Hierher sind die Menschen nicht wegen Ackerbau gezogen. Obwohl es soviel Land gibt. Doch der Boden ist hier immer gefroren. Hunderte Meter tief gefroren. Das Nordpolarmeer lässt nicht viel Leben zu. Bäume gibt es hier keine. Nicht mal Sträucher. So karg ist die Landschaft. Rentiere und Eisbären können einem hier über den Weg laufen. Hin und wieder hatte Michail einen Eisbären gesehen. Sie waren weniger geworden. Im Winter ist die Lena zugefroren. Da fährt Michail mit seinem Lkw über den Fluss. Er und andere.

In Tiksi findet das Leben am Hafen statt. Hier ist im Sommer was los. Hier kommen die Schiffe an. Hier sind die Menschen. Hier war Michail zu Hause. Im Winter fuhr Michail LKW. Einen alten Ural. Allrad. Sechs Räder. Fuhr die Lena entlang, wenn sie zugefroren war. Lieferte Ware aus. Brachte aus der großen Stadt Essen her. Nudel. Kaffee. Cola. Jakutsk hatte alles an Ware, was die Leute in Tiksi brauchten. Die Leute tranken in Tiksi auch im Winter gerne Cola. Waren eben neue Zeiten. In Tiksi gab es nur das zu kaufen, was Michail aus Jarkutsk mitbrachte. Fisch und Fleisch besorten sich die Leute in Tiksi selber.

Manche Plattenbauten waren hier farbenfroh angemalt. Auch Michail wohnte in so einem Haus. Michail mochte Farben. Er mochte auch das Weiß. Doch im Winter war ihm dies manchmal zu viel. Dann lieber bunte Farben. In einem weißen Haus wollte er nicht wohnen. Im Sommer belieferte er mit seinem Schiff auch immer wieder die Forschungsstation Samoilow.  Dies schaffte er an einem Tag. Fuhr rund vier Stunden hin. 

Die Forscher wurden oft mit dem Flugzeug eingeflogen. Kamen von Moskau oder weiter her. Von Tiksi dann mit dem Hubschrauber weiter. Waren harte Kerle. Michail mochte sie. Waren gute Jungs. Belieferte sie gerne. Hatten oft viel Gepäck dabei, welches er ihnen brachte. Michail musst je nicht jeden Tag zum Fischen fahren. 

Früher war die Forschungsstation nur im Sommer benutzbar. Nach dem Neubau vor einigen Jahren war sie auch winterfest und die Forscher blieben auch im Winter. So konnte Michail sie auch im Winter beliefern. Bis zu 30 Leute konnten nun auf der Station übernachten.

Die Station hatte auch eigene Fahrzeuge. Wenn der Schnee zu viel war, mussten die Forscher mit ihrem Raupenfahrzeug nach Tiksi kommen. Dann schaffte es Michail nicht mehr mit seinem Ural.

Im Winter war eh alles anders. Michails Kinder gingen auf das Gymnasium. Vielleicht würden sie irgendwann auch einmal Forscher werden. Michail war Fischer. Fuhr im Sommer mit seinem Kutter auf das Meer. Fuhr im Winter mit seinem LKW über das Eis. Im Winter aß Michail gerne Suppe. Suppe aus Rentierfleisch. Seine Frau machte die beste der Stadt. Sagte Michail immer. 

Früher war mehr los gewesen am Hafen. Früher war mehr los gewesen in Tiksi. Seit dem Ende der Sowjetunion lebten nur noch halb so viel Menschen in Tiksi. Die Nordostpassage war nicht mehr so rentabel. Doch die Klimaerwärmung hatte für Tiksi vielleicht auch Gutes. In Tiksi hofften sie auf weniger Eis. Auf eine bessere Durchfahrt der Nordostpassage. Sie hofften auf mehr Schiffe. Seit ein paar Jahren war im Sommer die Passage passierbar ohne Eisbrecher. Auch Touristen kamen mittlerweile mehr nach Tiksi. Michail war Optimist. Er würde nicht weggehen. Seine Kinder bekamen eine gute Schulbildung. Sie hatten gute Lehrer in Tiksi. Und wenig Schüler. Der Sommer war kurz in Tiksi. Das Meer hatte viele Fische hergegeben. Michail würde gut über die Runden kommen. 

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