Birobidschan: Boruch

Nächstes Jahr in Jerusalem. Oder nächstes Jahr in Birobidschan. Boruch war Lehrer in Birobidschan. Birobidschan ist die Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Oblast. Der Amur bildet die Grenze. Und China. Viele Juden lebten nicht mehr in Birobidschan. Viele waren weggezogen. Nach Europa. Nach Jerusalem. Aber sie hatten ihre Synagoge in der Stadt. Und sie hatten ihre Zeitung. Boruch hatte immer für die Zeitung geschrieben. Birobidschaner Schtern, Keine große Zeitung. Nur ein Nebenjob. Arbeitete sonst als Lehrer. Boruch war Jude. Seine Familie waren Juden. Sie waren geblieben. Sie kamen mit Putin gut zurecht. Andere waren gegangen. Nach Deutschland. Nach Israel. Boruch ging es gut in Birobidschan. Er hatte hier keine Angst. Er hatte hier sein Auskommen. Seine Kinder wuchsen hier friedlich auf. Seit der Perestroika war es besser geworden. Sie konnten ihre Religion freier ausüben. 

Boruch liebte die Sommer. Sie waren wunderbar warm. Gerne ging er an der Bira baden. Stalin hatte damals die Juden nach Birobidschan gerufen. Zahlreiche waren gekommen, um ein sozialistisches Jerusalem zu bauen. Stalin. Der unsägliche Diktator. Boruch hatte es hier gut getroffen. Er konnte hier ungestört leben. War nie Sozialist. Hatte sich immer arrangiert. 

Nur die Tauben störten ihn in Birobidschan. Sie hatten jetzt einen neuen Rabbiner in der Stadt. Ganz jung. Voller Elan. Viele Juden waren in der Sowjetunion nicht religiös gewesen oder haben es nicht gezeigt. Sozialismus und Glauben vertrug sich nicht. Erst nach den Umwälzungen hatte der Glaube wieder aufgelebt. Die Christen, die Buddhisten, die Juden lebten ihren Glauben jetzt wieder offen. Boruch fühlte sich als Jude, doch nicht als strenggläubiger. Sie kochten daheim nicht immer koscher. Aber Schweinefleisch gab es bei ihnen nicht. Dann fing er lieber einen Fisch. Gern ging er mit seinem ältesten Sohn zum Angeln. Wenn beide Zeit hatten. Das Angeln war für Boruch Meditation. Vergaß den Lärm der Schule. Vergaß den Lärm der Welt. Musste nicht viel reden. Auch mit seinem Sohn nicht. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Wenn sie einen großen Fisch an der Angel hatte, machte der Sohn gerne ein Foto. Siegerfoto. 

Viele Juden haben nie in Birobidschan gelebt. Ein russisches Jerusalem ist es nie geworden. Heute lebten wohl über 1000 Juden in der Stadt. Wie viele es waren, war für Boruch nicht wichtig. Er fühlte sich wohl. Seine Familie fühlte sich wohl. Nach Jerusalem würde er nicht ziehen. Wenn es ihm im Sommer zu heiß in der Stadt wurde, fuhren sie zum Meer. Mit dem Zug. Für ein paar Wochen. Der Pazifik war ihnen lieber als Jerusalem. Seine Kinder surften im Ozean, er warf lieber die Angel aus. 

2 Antworten auf „Birobidschan: Boruch“

  1. Interessant! Ich hatte noch nie von dieser jüdischen Oblast gehört und gleich mal gegoogelt. Weißt du mehr über ihre Geschichte, die Absichten Stalins und warum es so wenig bekannt ist? Auch mein Mann, der sehr geschichtskundig ist, kannte sie nicht.

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