Die Grausamkeit #2

Jammern lässt Kafka die Maus, unzufrieden

über das Sein, über das Leben und doch

ausweglos scheint es, das Leben, in Räumen

Zäunen, Labyrinthen. Die Weite der Welt

kennengelernt läuft die Maus in die Enge

schaut Kafka der Maus zu und lässt sie laufen

in die Ausweglosigkeit, am Ende der Welt

lassend die Wahl, die keine ist, die Wahl

zwischen Pest und Cholera, die Wahl, die

keine ist.

 

Franz Kafka, Kleine Fabel

Der nicht geschriebene Brief #2

Der nicht geschriebene Brief ist der, der alles

offen hält, der nichts entscheidet, ist der, der

die Liebe nicht beschwört, kein Liebesleid ankündigt

Er ist kein ach tausend Mal verzeih, kein lass uns Freunde bleibe

 

Der nicht geschriebene Brief braucht keinen Briefkasten, keine

Freimarke, keine Anschrift, keinen Absender. Er wird geschrieben

tausend Mal, verzeih, ich lieb dich, ich lieb dich nicht, du

wartest auf den Brief, wartest, verzehrst dich fast nach ihm

 

die Liebe sollt er künden, doch tat er es nicht, so liegt der

Kopf alleine und weinst so bitterlich, doch wollt den Brief

ich schreiben, die Wort, die fand ich nicht

Projekt #2

Albernheit und Gefühllosigkeit liegen nicht immer auf der Straße herum. 

Gut gekleidet war er nicht. Dies konnte man nicht sagen. Seine Turnschuhe waren von einfacher Art. Seine Jogginghose außer Mode. Für die meisten. Fast sauber sein T-Shirt. Gut in Form war er. Ging oft zum Training. Er musste stark sein in der Welt. München war laut und groß geworden. Zügig ging er über die Donnersbergerbrücke. Sein Fernweh hielt sich in Grenzen. War gerne daheim. In seiner Stadt. In seinem Stadtteil. Über die Brücke kam man in eine andere Welt. Neuhausen war was besseres. Andere Menschen lebten dort. Zumindest früher. Das Westend hatte sich auch sehr verändert. Verspürte immer Unwohlsein im anderen Viertel. Er gehörte dort nicht hin. Suchte das Geschäft aus. Schusterei. Ein Flickschuster. Hatte ein paar Halbschuhe zum Besohlen dabei. Der Laden gehörte einem Griechen. Redete ein paar kurze Sätze. Der Grieche hatte viele Schuhe im Laden. Sein Geschäft florierte wohl ganz gut. Die Hitze in der Stadt war auch im Geschäft spürbar. Der Schweiß lief ihm von der Stirn. Der Staub der Stadt wurde von keinem Gewitter weggefegt. Vor den Cafés saßen viele mit einem Getränk, schauten auf ihre Smartphones, redeten mit ihren Nachbarn, schrieben Nachrichten. Manche tranken Bier, die meisten Getränke hatten andere Farben. Paul musste etwas wagen. Sein ganzes Leben ging dahin. Mitte zwanzig war er und noch nichts Großes gewagt. Es war an der Zeit.

In der Hölle ist nicht immer Platz frei.

Barfuß sie springt #2

Der Regen kommt geschwinde, folgend der Hitze

des Tags, Wolken eilen, verdecken der Sonn ihr

Gewand, krachend hernieder donnert und blitzt,

der Himmel offen, Badewannen regnet herab.

Blütenpollen, gelb, süß, liegt auf der Straß, der

Regenfluss wischt Öl, nimmt Blüten, weiß, Äste

liegen quer und kreuz, Schuhe in der Hand rennt

die Frau, nass das blonde Haar, barfuß sie springt

in die Pfützen, lachend das Gesicht, vorbei die

Schwüle des Tags, barfuß sie springt.

Projekt #1

Die Wahrheit liegt immer irgendwo herum. Scheint doch der Roman ein Entwurf zu sein.  Eine Möglichkeit des Gelingens. Oder auch nur eine einzige Lüge.

Der Juli brachte Wärme in die Stadt. Schwüle. Die Menschen sehnten sich nach Abkühlung. Das wenige Grün zwischen den Häusern rächte sich. Das Westend war ermattet. Erst in der Abenddämmerung Linderung. Er brach auf. Ging seinen Weg. Wusste wohin. Kannte sein Viertel. Jeder einzelne Straße. Schließlich war er schon lange hier. Seine Wohnung war klein. Zwei Zimmer. Unrenovierter Altbau. Im Treppenhaus bröckelte der Putz von den Wänden. Er ging gerne zu Fuß durch die Stadt, war schnell. Manchmal hatte er auch ein Auto. Manchmal. er kaufte und verkaufte gerne Autos. Nie was besonders. Vier Räder. Wenig Hubraum. Hier und da ein paar Kratzer.

Ein Satz, der geschrieben wird, beschreibt das Leben. Scheinbar.

fasanenjagd #2

die gartenzwerge hatten auch schon bessere

zeiten gesehen. ihre schönheit in gefahr. gern

wollt ich über dem Feld einen fasan nachjagen.

engelsgleich mit flatternden flügeln. später

 

taten die arme weh. mit dem rad über die

eisenbahnbrücke geprescht. die roten lichter des

zuges wurden immer kleiner. den reisenden

die besten wünsche nachgerufen. das moos von

 

der parkbank hatte schon lang keiner mehr

entfernt. löwenzahnsalat. in nachbars garten

kämpft eine glyzinie gegen den frost der aprilnacht.

auf dem feldweg kommt ein bauer mit einem

 

milchwagen entgegen. nebenerwerbsbetrieb.

die anderen bauern im dorf haben längst aufgegeben,

besitzen den bulldog nur noch für spazierfahrten.

das wirtshaus ist längst geschlossen

Tohuwabohu #2

Der Raum, das Zimmer, das Feld, die Früchte auf dem Tisch, das Meer. Vermessungen. Der Stuhl, das Bett, das Fenster, der Balkon. In rosa, in grün, violett, himmelblau, kobaltblau oder pfefferminzgrün. Der Maler vermisst das Gelände. Die Berge, die Seen, die Blumen, die Bäume. Gebiete, Territorien, Fluchten, Linien, Perspektiven. Am Anfang das große Tohuwabohu, wüst und leer.  Gott schuf Himmel und Erde. Wüstheit und Leere. Sonst nichts. Keine Ordnung nirgends. Keine Ordnung. Die Kunst, ein Leben gegen die Wüstenei, ein Kampf gegen tohu, gegen vuhu. Es war ein großes Tohuwabohu. Der Maler wischt weg die Bilder der Geschichte und malt auf ihnen ein neues. Zieht Linien, ordnet die Welt.

Übergehend ins dunkle Rot #2

Die Zitronen verkünden auf dem Küchentisch

den Süden. Ihr Duft erzählt von einer anderen

Welt. Vorfrühlingshafte Sommerfreuden.

Avec plaisir. Wie auch sonst. Unterm Küchentisch

 

frisch gekehrt. Der Kuchen wird wunderbar.

Rosamunde Pilcher nicht geschaut. Die wilden

Rosen ranken an der alten Hauswand. Eine Hand

voller Träume, das wird noch gehen. Der Rittersporn

 

im Garten fängt an auszutreiben. Tee und Gebäck.

Abgelaufener Himmel. Übergehend ins dunkle Rot.

Richters Blumenstrauß verwischt.

Flaschenpost

Wir segelten über den See. Flaschenpost

nicht verschickt. Vergilbt kamen die Postkarten

 

an. Die Zeit schlug gegen die Wellen. Kassandra

war am anderen Ufer. Nur von fern hörten wir

 

ihr Rufen. Dein Nacken schmeckte salzig.

Schwarz die Füße, der Holunder trieb erste

 

Blüten. In den kalten Nächten lagen wir eng

umschlungen. Über uns die Sterne.

Verlieren

Im Verlieren sind die Bayern nicht so groß. Weder der FC Bayern noch die CSU. Doch Franz hatte da kein Mitleid. Er hätte Jupp den Pokal gegönnt. Keine Frage. Doch Jupp konnte auch so entspannt sein. Dem Gegner gratulieren wäre doch angebracht gewesen. Die CSU war das Verlieren noch weniger gewöhnt. Doch ob Söder im Herbst siegen würde, würde sich noch zeigen. Auch hier hätte Franz kein Mitleid. Die Hochzeit des Prinzen war an Franz auf recht spurlos vorübergegangen. Er lebte ja in einer Demokratie. In den Nachrichten hatte er das eine oder andere Bild gesehen. Müssen Prinzen eigentlich bei ihrer Hochzeit Uniform tragen? Ist doch überflüssiges Zeug. Franz war mit Maria zu Pfingsten zu ein paar Freunden gefahren. Ein paar Runden im Segelboot über dem Chiemsee. Das Wetter war abwechslungsreich gewesen. Gerade recht. Eine kühle Brise schadete im klaren Kopf nicht. Dann schrieb es sich leichter. Eigentlich hätte Franz gerne einen kleinen Bus. Dann könnte er dauernd unterwegs sein.