Ein kapitaler Hirsch

Im Herbst geht der Schriftsteller auf Jagd. Großwildjagd. Keine Hasen oder so ein Gedöns. Hirsch, Reh, zur Not auch Gams. Nachts auf der Lauer liegend. Spüren, wie die Kälte in die Füße dringt. Die  Handschuhe nur wenig gegen den Frost schützen. Zum Glück keine Nässe. Das Fernglas überwacht die Wiesen vor den Wäldern. Klapprig ist der Hochstand und wenig geschützt gegen den eisigen Wind. Hilft nichts. Für einen stattlichen Hirschen muss man Opfer bringen. Bald kommt die Morgendämmerung. Es wird langsam Zeit. Jetzt sollte aber wirklich. Da. Ein leises Knacksen. Aus der Böschung. Noch im Gestrüpp. Was für ein Geweih. Jetzt blos keinen Fehler machen. Langsam das Gewehr anlegen. Schon fallen dem Schriftsteller die Worte ein. Der Roman wird großartig werden. Ganz bestimmt. Der Verleger wird ihn aus den Händen reißen. Ein kapitaler Hirsch.

Kein Fernverkehr

Die Eisenbahnbrücke über dem Lech ist nur den kleinen Träumen vorbehalten. Hier fährt nur die Lokalbahn. Güter von dort nach hier. Nicht weit. Nur nah. Die große Eisenbahnbrücke liegt weiter östlich. Kein Paris. Kein Rom. Kein Wien. Nicht einmal München. Dafür wunderbar für Radfahrer geeignet. Zur Flussüberquerung in die Innenstadt. Für wenn zum Dom, zum Christkindlmarkt, für wenn Erledigungen anstehen. Die Träume sind hier kleiner. Doch der Horizont strahlt, das Wasser erzählt vom ersten Schnee der Berge. Auf der Oberfläche spiegeln sich die Sonnenstrahlen. Ein Zug kommt selten vorbei. Für nah. Hier ist kein Fernverkehr.

Im Advent

Der Mond wird nicht angesungen in der Nacht. Macht kein ernst zu nehmender Mensch. Höchstens die Katzen, oder der Hund, weil er sich zu seinen Vorfahren sehnt. Nachts, wenn schlecht geträumt, heult er los wie ein Wolf, als würde der Mond scheinen und er ihn ansingen. Die Instrument werden im Advent häufig rausgeholt. Der Cellokasten wird auch immer schwerer. Die Musik im Radio ist hirnzerreißend. In den Geschäften träumen die Verkäufer von weißer Weihnacht. Auch der Weihnachtsmann, der hier und da zwischen den Tischen herumspringt. Der Nikolaus ist nicht zu sehen, dabei wird es langsam Zeit. Die Kinder waren doch schließlich brav. Wird wohl seine Stiefel noch putzen müssen. Schnell noch den Teller rausstellen, oder den Stiefel. Er wird schon was bringen. Wäre doch gelacht.

Transit

Wenn die Venus, nach allem, was wir Menschen wissen und berechnen können, die Sonne in 101 Jahren passiert, immer vorausgesetzt, die Venus existiert noch und auch die gute alte Sonne verschwindet nicht plötzlich und auch die gute alte Erde, wenn nicht was unvorhersehbares passiert, auch noch ihre Bahnen um die Sonne ziehen wird, dann wird am 11.12.2117 die Venus die Sonne verdunkeln, wird sie vor ihre stehen, schon Kepler hatte dies bedacht, doch die Venus, viel zu klein, wird nur einen winzigen Fleck der Sonne verdunkeln und die Menschen und wenn die Erde bis dahin noch keinen Besuch von Außerirdischen bekommen hat, nur diese, werden staunend, da ist sich Sandig sicher, diesen winzigen Fleck auf der Sonne ansehen und unsere Kindeskinder und Kinder der Kindeskinder werden sich darüber freuen.

Die Sonne tanzt über die Hügel

Der Mäusebussard fliegt über die leeren Felder. Längst eingefahren die Ernte. Hier und da Spuren von Winterweizen. Aus dem Stall kommt ein frohes Muhen. Der Melkschemel liegt verstaubt in der Ecke. Der Himmel scheint unendlich blassblau. Auf dem alten Bulldog der Bauer fährt ein sein Holz. Die Sonne tanzt über den Hügeln. Laub wird zusammengerecht von der Bäuerin. Tiefergelegt rast der Nachbarssohn um die Ecke. In die Stadt will hier niemand. Im Advent trägt der Maibaum eine Lichterkette. Jeden Donnerstag übt die freiwillige Feuerwehr den Ernstfall. Rausschneiden aus der brennenden Karosserie. Um den Baum gewickelt. Samstagabend nach der Disko. Wenn das Leben schnell geworden.

#Satire und die Flüchtlinge

Es ist leicht, sich über eine Satire aufzuregen. Das Schweigen über die Toten im Mittelmeer, die bei ihrer Flucht ertrunken sind und Tausende zählen, ist weitaus zynischer.

Nachthimmel

Ist der Himmel klar, der Blick schweift in die unendliche Ferne, träumt im Sternenzelt, schläft der Specht, nicht sein Hämmern erhellt die Nacht, treibt voran die Kälte, die Augen doch hängen an der goldleuchtenden Pracht. Fledermäuse schon länger nicht mehr erblickt. Nur hier und da eine Katze. Leise fliegt der Wind durch  das kalte Geäst. Der Fluss will nicht schweigen. Zu kalt für die Liebenden, wärmt doch der Mond sie nicht. Von der Ferne naht der Zug. Nach Paris. Bestimmt war es der Nachtzug. Vielleicht beim nächsten Mal. Die Nächte sind lang im Dezember. Die Liebe strahlt in den Augensternen. Nachthimmel.

Auf dem Weg, unruhig umher

unruhig umher geht er, schmal, sehr schmal, ob auf der Flucht oder doch nur durch die Einkaufsstraße, um schnell noch ein paar Dinge zu erledigen. Nicht freundlich sein Blick, keine Geste der Begrüßung, hineingeworfen in die Welt, zwischen Arbeit und Familie hetzen, oder doch allein, Pflicht erfüllend, heute, gestern, morgen, Passanten werden ihn nicht halten, nicht ihn einladen zu einem Kaffee oder einer Suppe. Bedürftig? Oder doch nur getrieben? Auf dem Weg, unruhig umher lässt Giacometti ihn seine Wege ziehen

Alberto Giacometti, Homme qui marche, 1960

Pyrrhussieg #Aleppo

Am Ende bleibt nichts, zerstörte Stadt, vernichtetes Land, ein Sieg? Ein Pyrrhussieg. Teuer erkauft, zu teuer. Auf diesen Sieg kann man nichts aufbauen. Kein Glück, keine Stadt, kein Land. Ein monströser Sieg. Die Menschen vertrieben. Die Häuser zerstört. Nichts zu essen. Verletzte. Tote. Kein Volk mehr da. Noch so ein Sieg und wir sind verloren. Assad ein Sieger? Im Blut ersoffen der Staat, das Land, die Menschen. Nicht die Römer besiegt. Ein neues Irak. Ein Land ohne Halt, fern einer Struktur. Heimatlos. Ein schöner Herrscher. USA von der politischen Landkarte verschwunden. Europa schaut zu. Iran die Finger im Spiel. Krankenhäuser und Schulen zerbombt. Ein Sieg. Ausgehungerte Stadt. Giftgasbomben? Kein Problem. Syrien keine Heimat mehr. Das Land zerstört. Aleppo zerstört. Ein grausiges Schlachtfeld. Noch so ein Sieg und wir  sind verloren.

Giacomettis Hund

Die Nase schnüffelnd auf die Erde gerichtet, doch die Erde ist keine Erde, abgemagert bis auf die Knochen schleicht herum, nicht bellend, nicht Angst einjagend, nicht imponierend, abgelegt jedes Macho-Gehabe, unbrauchbar für die Jagd, unbrauchbar zu hüten die Schaf, unbrauchbar zu bewachen den Hof, auch er, der Katze gleich, bringt nicht heraus den Ton, den es bräucht als Musikant. So schleicht er sich davon. Traurig sein Blick.

 

Hund, Giacometti, 1951