Wer wechselt heute schon noch das Rad, das Rad, wenn der Reifen eine Panne hat? Führen nicht mehr mit, ein Reserverad, die modernen Automobile. Monströse Flickkästen sollen Sicherheit symbolisieren. Wer ausgepackt hat einen solchen Kasten, wird verlustig dieser Sicherheit, wird verlustig. Schon Brecht wusste dies. Und wartete am Straßenrand. Die Engel kommen in Gelb und wechseln doch nicht das Rad. Warten wir geduldig, warten wir. Der nächste Radwechsel kommt bestimmt. Wohin führt der Weg? Wollen wir dorthin? Geduldig warten wir, geduldig.
Autor: orangeblau
Die Farbe fand
In Murnau weilend, Kandinsky, malte, die Stadt malte, die Häuser, die Menschen, das Leben malte, da fand er die Farbe, die Farbe fand und die Bilder bunt wurden, da wurden die Häuser himmelblaurotorange und knallgelbwiesengrün, da lebten die Häuser und wurden, Natur wurden sie, in Gelbrotblaugrün und die Fenster lachten freundlich dazu. Als Kandinsky in Murnau weilte und die Stadt malte und malte. Da fand er den Ausdruck und fand die Farbe.
Wassily Kandinsky, Häuser in München, 1908
Als wir in Maastricht belgischen Reiskuchen aßen
In meiner Kindheit gab es, als wir fuhren, nach Maastricht fuhren, bei der Tante belgischen Reiskuchen. Kinderglück. Belgischen Reiskuchen. In der Südspitze von Holland, wo Holland nicht mehr nach Meer riecht, drei Länder sich berühren, spürbar ist Europa, belgischen Reiskuchen. Ein Kinderkuchen, ein Erinnerungskuchen. Milchreis umbacken, sozusagen. Angeblich Nahrung auf der Tour de France. Legales Doping. Eddy Mercks aß bestimmt auch diesen Kuchen, zum Frühstück und unterwegs. Eddy, der Kannibale, nur süßen Reiskuchen. Moules frites gab es nicht, bei der Tante in Maastricht, gab es nicht, aber Reiskuchen aus Belgien. Der Wind wehte vom Norden her und erzählte die alten Lieder vom Meer, während wir saßen beim Teetisch und aßen, den belgischen Reiskuchen aßen.
Die Liebe verlassen
Als hätte die Liebe uns verlassen, als hätte uns, ne me quitte pas, als hätt´ uns die Liebe verlassen, zerrissen das Herz, zerrissen, als hätt´ uns die Liebe verlassen, ne me quitte pas, dahin ist das Reich der Liebe, dahin, als hätt´uns die Liebe verlassen, ne me quitte pas, wollten dich tanzen sehen, dich lachen, es bleibt nur der Schatten an der Wand, der Schatten. Wollten dich tanzen sehen, dich lachen. Ne me quitte pas, nein, verlass uns nicht, Liebe, verlass uns nicht. Wir wollen deine Lieder hören, dein Lachen. Ne me quitte pas.
Weint der Himmel über dem Flandernland
Über dem Flandernland weint, über dem Flandernland, der Himmel weint, zwischen Brügge und Gent, über dem flachen Land, der Wind weht ohne Liebe über dem flachen Land, von Marieke singt Brel, von Marieke und vom flachen Land, zwischen Antwerpen und Ostende, es weint der Himmel, singt von dem Mädchen, dem Marieke und lässt weinen den Himmel über dem Flandernland, mijn platte land mijn Vlaanderland, weht der Wind, der raue, übers Land, dem Flandernland, weint das Meer des Nordens, weint, singt Brel über die Liebe, singt über sein Land, mijn platte land mijn Vlaanderland. Ach Marieke, ach.
Vom flachen Land sang
Vom flachen Land sang Brel, vom flachen Land, dem Flandernland, voller Melancholie, voller Schwermut, allein mit der Sehnsucht nach dem Meer, fern der Berge, nur Kirchtürme statt, tief der Himmel über dem flachen Land, jauchzend das Land, mijn flakke Land, avec un ciel, ce gris, ce gris, als gäb es kein Halten nicht, ce gris, le plat pays est le mien, besang das Flandernland, besang in der französischen Sprache, die in Flandern ja eigentlich gar nicht gesprochen wird, le play pays und doch auch sang in der niederländischen vom flakke Land und dem Wind zuhörte, dem Wind, der von der Nordsee her kam und brachte den Sturm und den Regen, vom Norden her, von der See. Sang Brel voller Sehnsucht und sang voller Liebe, in seinen Sprachen besang sein Land, das Flandernland: Le plat pays qui est le mien.
Im gelben Haus
Es zogen zwei Künstler ins gelbe Haus, zwei Maler zogen nach Arles, sie zogen ins gelbe Haus. Zwei Monate halten sie es gemeinsam aus, im gelben Haus. Van Gogh kam, als erster, van Gogh kam und malte und blieb und malte, im gelben Haus, sechzehn Monate blieb van Gogh im gelben Haus und malte und malte und malte. Und lud ein den Gauguin, lud ein und er kam und blieb, für zwei Monate blieb. Danach fehlte dem einen ein Ohr. Wer schnitt es ab, das Ohr, wer schnitt es ab, dem van Gogh das Ohr? War´s der Kollege, war´s? Oder doch er selbst, er selbst? Der Traum vom gelben Haus, der Traum war ausgeträumt, fort zogen sie, die Maler, aus dem gelben Haus. Der eine nach Paris, der andere in die Nervenheilanstalt.
Vincent van Gogh, Das gelbe Haus, 1888
Die Schlachten waren groß
Die Schlachten waren groß, die bestehen musste der Held, umkämpft war die Stadt, Troja, umkämpft zehn Jahre lang. Mit zwölf Schiffen fuhr heim Odysseus, fuhr heim und irrte und irrte herum übers Meer. Zehn Jahre irrte Odysseus übers Meer, bis kam, allein, heim er von der Schlacht. Grausam und heldenhaft kämpfte gegen Zyklopen, einäugige, ausstechend das eine Auge, listig hängend an die Ziegen zur Flucht. Kämpfend gegen den Schlaf der Lotusblume, einfangend die Winde der Meere, besiegt die Zauberkraft, die Zauberkraft von Kirke und widersteht, widersteht den Gesang der Sirenen. Nach Lesbos schicken müsste man, nach Lesbos schicken Odysseus.
Als Sappho sich verzehrte
Fern im Osten liegt sie, die Insel, vor der Küste der Türkei. In der Ägäis, Kleinasien nicht weit, nur ein Sprung fast, nur. Ausgespuckt von einem Vulkan, ein fast göttlicher Schöpfungsakt. Ausgespuckt. Weit hinauf gen Himmel reicht sie. Schon die Spartaner wollten ihr zu Leibe rücken. Auf Lesbos Sappho sang von den Frauen, den schönen, verzückt von der Liebe, betet sie an die Aphrodite, herabschreiten soll sie, die Göttin der Liebe, herab, bringt da Blumengirlanden und Weihrauch am Altar, Sappho, die Frauen liebte und sich sehnte, nach der Liebe und verzehrte. Vor der schaumumwobenen Küste, gestorben wird heut, der Liebe fern. Fern die Sehnsucht der Sappho. Fern.
Müde die Augen blickend
Mit einem Ohr nur malte van Gogh, mit einem Ohr nur, seinen Arzt, schwermütig, dunkel, müde sein Blick, mit einem Ohr nur malte, als der Wahnsinn längst von ihm nicht lassen wollte, seinen Arzt, im Süden, Dr. Gachet, erfüllt von unten bis oben mit Melancholie, der süßen schwermütigen Melodei. Als hätten getauscht die Rollen, der Arzt und der Patient, als hätten getauscht, so malte van Gogh, mit einem Ohr nur, seinen Arzt, des Lebens müde, als malte, als malte er sich selbst, als hätte er selbst noch einmal zwei Ohren, zwei. Müde die Augen blickend, ins Weite, ins Weite, verloren der Blick.
Vincent van Gogh, Porträt des Dr. Gachet, 1890