Nicht reinigend können

Dem Huchel gleich, man wünscht sich, ein Gewitter, ein Gewitter man wünscht sich reinigend, der Donner grollend die Ohren füllend, Blitze am Himmel zuckend, ein Ende ist der Winter-Gewitter, wegfegend die laue Zeit, Hagelschauer über den Wäldern, Blitze am Nachthimmel der Ferne, der Regen waschend die Luft. Doch nicht reinigend könnend das Gewitter das Land, die Ordnung, das Aufgeschrei, nicht reinigend können die Blitze und Donner, der Regen und Hagel das Land.

 

Peter Huchel, Die Ordnung der Gewitter,

Dem Meer entgegen

Dem Meer entgegen, dem Meer, zog van Gogh, von Arles nach Saint Maries, und fand das Rauschen der Wellen. Sah Fischerboote, farbenfroh lagen sie da, im Sand, am Strand, wartend auf ihre Besitzer, aufs Meer raus, aufs Meer. Zu fangen die Fische, zu fangen. Als schaute gar nicht hin aufs Meer, aufs blaue, malte van Gogh die kleine Boote, in leuchtenden Farben. Fast, als wäre er glücklich, für einen Tag, malte er farbenfroh die Boote, könnt springen mit ihnen, ins Meer, ins Meer. Und fahren in die Ferne.

Vincent van Gogh, Fischerboote am Strand von Saintes Maries, 1888

Fischerboote am Strand von Saintes Maries

Gewiss doch des Glücks

Verloren, das Paradies, verloren, Erinnerungen der Kindheit, Erinnerungen. Eingedenk des Vergangenen, eingedenk des Grauens, verloren das unschuldige Paradies. Hat Huchel das Paradies verloren, das Kinderglück, die Geborgenheit, die Freude über den Gesang der Vögel, im glücklichen Garten wuchs das zarte Gras. Erinnerungen, unsicher und doch gewiss, gewiss nicht der Namen, gewiss nicht der Orte, gewiss doch des Glücks, des Glücks in einem wundervollen Garten geborgen gewesen zu sein.

Peter Huchel, Der glückliche Garten, 1948

Der Sämann gibt der Erde

Den Acker abschreitend, großen Schrittes, das Tagwerk begehen, der Bauer, aussäend die Saat, aussäend. Kräftig die Sonne, untergehend schon, es geht zu Ende die Arbeit des Tages, es geht zu Ende. Göttliche Sonnenkraft scheinend, die Muttererde eingetaucht in ein Orange und Blau, der Sämann gibt der Erde, gibt, wachsen möget das Korn, das Samenkorn, so gibt der Sämann der Erde, so gibt der Maler uns das Samenkorn, gedeihen möget es, das Korn, gedeihen.

Der Sämann

Vincent van Gogh, Der Sämann, 1888

Über die Eiche

Hart. Die Eiche. Hart. Der deutsche Baum. Gut zum Sitzen. Die Eiche. Gut, um mit den Füßen drauf zu laufen, die Eiche. Schon die Römer kannten sie. Die Eiche. Quercus. Schon die Römer. Anlehnen kann man sich an sie, an die Eiche, anlehnen. Zu finden in Deutschland. Verbreitet im ganzen Norden. Zu finden in Kolumbien, auch in Nordafrika. Wildschweine, gerne, fressen ihre Früchte, Wildschweine, von der Eiche, der deutschen. Trieb die Schweine früher in den Wald man, die Schweine. Bonifatius gar, fällte sie, die deutsche Eiche, ein falscher Gott könnt sich verborgen haben, fällte sie. Wer den Pfennig nicht ehrt. Die Eiche tat es, die Eiche. Die Römer flochten den Kranz, aus ihren Blättern ihren Kranz, die NSDAP auch freute sich, über die Eiche. Her gibt sie sich fürs Kartenspiel, die Eiche, gemahnend den Frieden, die Friedenseiche. Der Deutschen Baum, die Eiche. Weichen sollst du der Eichen, weichen sollst du. Und wurde zum Muckefuck, die Eiche, zum Muckefuck. Der Baum der Deutschen. Und für die Schweine.

Die Grausamkeit der Fabel

Jammern lässt Kafka die Maus, jammern, unzufrieden über das Sein, unzufrieden über das Leben und doch ausweglos scheint es, ausweglos, das Leben, in Räumen, Zäunen, Labyrinthen. Die Weite der Welt kennengelernt läuft die Maus in die Enge, in die Enge, schaut Kafka der Maus zu und lässt sie laufen, in die Ausweglosigkeit, am Ende der Welt lassend die Wahl, die keine ist, die Wahl zwischen Pest und Cholera, die Wahl, die keine ist.

Franz Kafka, Kleine Fabel

Der Himmel fast schwarz

Frühgotisch, die Kirche, frühgotisch, ragt empor sie, fast noch verhaftet, in der Romanik fast noch verhaftet, wehrhaft scheinend, die Kirche von Auvers, als van Gogh sie malte, am Ende seines Lebens, sie malte und der Himmel fast schwarz wurde, so dunkel das Blau, so dunkel, wehrhaft die Kirche und doch, zerbrechlich scheinend, zerbrechlich, nicht Halt gebend und nicht findend, der Himmel fast schwarz, als Nacht wäre, als Nacht, doch so hell scheint, die Bäuerin, so hell, als Tag wäre, als Tag.

Die Kirche von Auvers

Vincent van Gogh, Die Kirche von Auvers, 1890

 

Voller Sehnsucht schauend

Funkelten die Sterne, funkelten, in der lauen Sommernacht, als war van Gogh in der Provence, in der Irrenanstalt war, van Gogh, in der Irrenanstalt, verrückt geworden war, verrückt geworden, in der Procence war und malte, den Sternenhimmel malte, die Zypressen, das Dorf. So golden die Mondsichel, so golden, so ungeheuer finster die Zypressen. Hell die Nacht fast, hell und doch durchwirbelt gar der Himmel. Voller Sehnsucht schauend, voller Sehnsucht, unruhig das Herz.

Sternennacht

Vincent van Gogh, Sternennacht, 1889

Der Tod in Idomeni

Es ist passiert. Was passieren musste. Sie könnten im Lager sterben. Oder auf der Flucht. Wir wussten es. Es würde passieren. Es ist passiert. Ertrunken. Bei der Flucht ertrunken. Der Fluss war zu stark. Hat sie fortgerissen aus dem Leben. Es musste passieren. Wer betet für sie? Wer liest die Messe? Wer spielt das Requiem, für die Toten von Idomeni, das Requiem. Die AfD-Wähler werden es wohl nicht sein. Horst Seehofer auch nicht.

Der Zufall, der Maler

113 Quadratmeter groß, das Fenster im Kölner Dom, viel Arbeit für einen Fensterputzer, 11263 kleine Farbquadrate bilden dieses Fenster, viel Arbeit für einen Fensterputzer, 9,6 x 9,6 cm, viel Arbeit, auch für den Glaser, 72 Farben, angeordnet per Zufall. Keine Heiligen drauf, kein Gekreuzigter, keine Mutter Gottes, kein Papst, kein König, Farben nur, Farben. Ein griff Richter doch hier und da, da und hier, wo der Zufall nicht passend war. Nicht gefiel es dem Kardinal, das Fenster, das Fenster ohne Heilige, ohne Jesus. Doch erahnen kann man, erahnen, durch das Licht, die Schönheit der Welt und danken.

Gerhard Richter Kölner Dom Fenster, 2007

Kölner Dom Fenster