Als Else Lasker-Schüler

Als Else Lasker-Schüler Franz Marc traf und wurde zu Prinz Jussuf, zu Prinz Jussuf von Theben und präsentierte, der Blaue Reiter sein blaues Pferd präsentierte dem Prinzen, da funkelten die Sterne, flogen die Karten her und hin, fern des Alltags, fern der Wirklichkeit, zwischen Feuerochs und Zitronenpferd, eingesponnen in der Märchenwelt, farbprächtige Gestirne, Fabelweltenglück.

Der Zaun ist zu

Zu. Geschlossen. Der Zaun steht. Türen zu. Fehlt noch die Mauer. Seit wann ist die Mauer noch mal weg? Steht der Zaun. Europa abgeriegelt. Was bleibt? Das Meer. Das schöne Meer. Mittelmeer. Mare Mediterranem. Ein schönes Meer. Urlaubsglück. Capri oder Ballermann. Mallorca oder Rimini. Sonne. Zitronen. Orangen. Hat schöne Inseln. Korsika. Sardinien. Sizilien. Malta. Viele Länder liegen am Mittelmeer. Frankreich. Spanien. Kroatien. Ägypten. Israel. Syrien. Türkei. Griechenland. Lesbos liegt nahe bei der Türkei. Da ist Europa zu Ende. Pech. Der Weg nach Europa? Über Griechenland. Und dann der Balkan. Halt. Stop! Der ist jetzt zu. Zaun gebaut. Verriegelt. Bleibt das Meer. Fern der Urlaubsidylle. Mit dem Schiff nach Italien. Der Bilder der ertrunkenen Flüchtlinge haben wir schon gesehen. Schönes Mittelmeer. Armes Mittelmeer.

Stranzls Abschied

Wenn ein Großer geht, darf er weinen. Stranzl darf das. Harter Kerl. Weinen.

Kandinsky, ohne Ordnung

Wie muss das gewesen sein, als besuchten, am 2. Januar 1911 besuchten Kandinsky und Marc und Werefkin und Jawlensky und Münter besuchten, in München, das Konzert von Schönberg besuchten. Die Malerei verlor die Form, die Musik verlor ebenso die Ordnung, Althergebrachtes musste weichen. Kandinsky malte, den Tönen gleich, malte die Musik, verlustig der Gegenstände, froh die Farbenkraft. Der Ausdruck siegt, fern die Ordnung, fern.

 

Kandinsky, Impression III, 1911

 

Über die Rose

Über die Rose, über die Rose kann ja ein jeder, ein jeder ein Gedicht schreiben. Konnte schon Goethe. Sah, ein Junge, ja ein Junge, stehen, weit draußen stehen, eine kleine Rose. Kann man auch singen. Über den Giersch hat er nicht gedichtet, der Goethe, über den Giersch. Hätte Schubert auch nicht vertont, ein Gedicht über den Giersch, hätte nicht. Und wer hätt´es singen sollen, ein Lied über den Giersch. Fischer-Dieskau? Hermann Prei? Ein Gedicht über die Rose? In diesen Zeiten? Klar, der Frühling, kommt. Es wächst, knospet auf, auch die Rosen wollen bald. Zur Not kann man sie ja auch essen, die Rose. Nein, nicht die Dornen. Die Blütenblätter, kann man essen. Zur Not. Was machen eigentlich Pegidaanhänger mit einer Rose? Aus dem Garten verbannen? Kommt ja aus China, ursprünglich. Ist schon ein paar Jahre her. Was haben die eigentlich im christlichen Abendland verloren? Sind die Griechen wieder schuld? Haben sie schon geliebt, die alten Griechen die schönen Rosen, haben sie schon geliebt, auch die Perser haben sie geliebt. Auch der alte Nero, ja der Kaiser, hatte, klar, ein rauschendes Fest veranstaltet, auf dem Palatin ein rauschendes Fest, der Nero. Griechen, schön und gut, Römer, gehören zum christlichen Abendland. Und dann die Perser. Unmöglich, solche Blumen im Garten. Unmöglich. Durch die Rose kann man Allah verstehen, durch die Rose? In Gefahr das Abendland.

Samsas Kampf

Der Gregor, der Käfer, das Ungeziefer, das Untier, der der Bruder war, der der Sohn war, er musste weg. Loswerden muss man ihn, loswerden, die eigene Schwester gar, die gute, spricht dieses Urteil aus. ES muss weg, das Ungeziefer, ES muss weg. Unnützes Untier, Ballast nur, Hilfe nicht. Zurückziehend in sein Zimmer, schwer der Gang, die Wunde schmerzte, entzündet war, erreichend das Ziel, schon hinter ihm versperrt die Tür, versperrt. Aushauchend sein Leben, Triumph der Schwester. Krepiert, es ist krepiert, die Kreatur, das Ungeziefer, das Untier. Gregor Samsa ist verstorben.

Hinaus fahren sie, die drei, der Rest, ins Freie hinaus, ins Leben.

Im „Russenhaus“

Traf die Münter den Kandinsky, traf und die Liebe kam, die Farben sprangen herum. Im „Russenhaus“ am See, am Staffelsee gelegen, sich traf die Münter mit dem Kandinsky und kamen dazu alle, die Farben im Kopf hatten, Farben. Marc kam, Werefkin kam, Macke kam, Jawlensky kam. Voller Farbe Murnau, der kleine Ort, gelegen am See, voller Farbe, die Straßen blau, die Häuser gelb, als Münter war in Murnau war, im „Russenhaus“. Weg trieb der Krieg die Gäste, weg aus dem „Russenhaus“.

Über den Giersch

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Über den Giersch. Kann denn ein Gedicht, ein Gedicht über Giersch heute möglich sein? Über Giersch? Die Pflanze, die jeder Gärtner, ob Klein- oder Großgärtner, verwünscht, zum Teufel wünscht, wegwünscht, zerwünscht. Giersch, der Aegopodium podagraria, kommt von den Ziegen her, der Name, von den Ziegen. Womit wir nicht mehr bei den Römern wären, sondern schon bei den Griechen. Bei den Griechen? Doch. Der Name leitet sich, ob man will oder nicht, aus dem Griechischen ab: αἴγειος = aigeos für von der Ziege und πούς-ποδός = pous-podos für Fuß. Klar, sieht aus wie ein Ziegenfuß, das Blatt. Die Gärtner nennen es lieber Unkraut, er wuchert ziemlich, einmal da, im Garten. Ein Gedicht über den Giersch? Möglich? Heute? Auch im Kleinen liegt das Große. Auch im Giersch steckt Griechenland. So freuen wir uns, über jedes Gedicht, wir freuen uns über jedes Gierschgedicht.

Kandinskys Murnau

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Die Farben müssen ihm, dem Kandinsky, als er Murnau malte, als er Murnau malte, immer wieder, als hätte er die falsche Brille auf, die falsche, durcheinander geraten sein. Wer hat schon je so ein strahlendes Blau des Himmels, so ein leuchtendes Gelb der Wiese gesehen. Die Straße, getränkt in ein Rosagelbblau, als führte sie gleich in ein Paradies. Getilgt das Grau der Welt, hineingezogen ins Glück.

Wassily Kandinsky, Murnau – Kohlgruberstrasse, 1908

 

Marcs blaue Pferde

Blau. Natürlich blau. Sind Pferde blau. Sind Blumen blau. sagt Novalis. Die blaue Blume. Der blaue Reiter. Blau. Auch Klein malte blau. Aber es war ein anderes. Die Pferde blau. Wie kann man nur? Und wie schön. Entartet für die Nazis. Irrte Marc doch, als er gegen die Franzosen ritt. Glück gehabt. Für die Nazis entartet.

Aber klar. Hast du schon mal blaue Pferde gesehen? Und dann auch noch gelbe Kühe. Die Chinesen vertragen doch gar keine Milch. Und dann gelbe Kühe! Wie schön die Pferde doch zum Turm sich bilden.