Der letzte Zahn

Fast zahnlos, fast, lag die Frau, fast zahnlos lag, die Frau, deren Beruf nicht ehrenwert war, verdiente sie doch, mit ihrem fast zahnlosen Körper ihr Geld, verdiente ihr Geld, viel wird es nicht gewesen sein, mit der fleischlichen Lust und verlor doch, bevor in die Erde kam, ihren letzten Zahn noch, bevor sie in die Erde kam. Gestohlen wurde ihr der letzte Zahn, aus Gold war, gestohlen wurde ihr, aus Gold war, der letzte Zahn.

 

Gottfried Benn, Kreislauf

Im Tode vereint

Mann und Frau, vereint im Tode, liegend, seziert, geöffnet, der Körper geöffnet, auf den Seziertischen. Für jede Leiche einen, beieinander und doch getrennt. Die Körper ausgeräumt, gesammelt das Herausgeschnittene, gesammelt, in Kübeln neben den Tischen. Warum liegen sie hier? Was hat sie zu Tode gebracht? In die Särge lässt Benn die Leichen schaffen, in die Särge, vereint im Tode, im Grabe. Begehrend nicht mehr, nicht. Keine Musik erschallt.

Gottfried Benn, Requiem

 

Im Leichenhaus

Ins Leichenhaus geht der Dichter und schaut und sieht, im Leichenhaus, die Jugend liegend, das schöne Mädchen, geöffnet der Leib, geöffnet, Benn sah, dass die Ratten schon ihr Werk getan, an der schönen Jugend ihr Werk getan. Verzehrt die Innereien, die Spuren sah der Dichter, die Spuren des Hungers der jungen Ratten.

 

Gottfried Benn, Schöne Jugend

Birkenau

Die Bilder des Grauens, wir haben sie gesehen, die Bilder des Grauens, aus Dachau, Flossenbürg, aus Mauthausen und Majdanek, ob Ravensbrück oder Sachsenhausen. Die Bilder des Grauens, wir kennen sie. Wo die Menschen zu Nummern wurden, die Würde genommen wurde. Wir kennen die Wachtürme, die Zäune, die Baracken, die Güterwagons der Deutschen Reichsbahn, die Schornsteine, die Krematorien, die kahl geschorenen Köpfe, die leeren Koffer, die ausgerissenen Goldzähne und die Häftlingskleidung. Die Bilder des Grauens. Aus Stutthof, Bergen-Belsen, aus Buchenwald und aus Auschwitz-Birkenau. Die Bilder der Tortur, die Bilder der Qual, die Bilder der Vernichtung. Übermalt hat Gerhard Richter vier Bilder, vier Bilder aus Auschwitz-Birkenau.Vier Bilder, gemacht von einem jüdischen Sonderkommando, übermalt, das Grauen, sichtbar machend das Unmenschliche.

Birkenau

Gerhard Richter, Birkenau(937, 1-4), 2014

Das Seziermesser in der Hand

Mit aller Kraft, als käme der Herbst, legte Benn den jämmerlich ertrunkenen Bierausfahrer auf den Tisch, auf den Seziertisch und nimmt, und nimmt das Messer. Schneidet auf den unsanft Verstorbenen, schneidet ihn auf, auf der Suche nach dem Tod, schneidet ihn auf, die schöne Herbstblume hineinstopfend, die schöne Herbstblume hineinstopfend in die offene Brust, die dunkelhelllilafarbene Aster.

 

Gottfried Benn, Kleine Aster

Richter in Florenz

Unschärfe entsteht verschieden. Richter malt unscharfe Gemälde von scharfen Fotografien. Oder Richter nimmt scharfe Fotografien und macht sie unscharf. Florenz/Firenze, die Stadt der Touristen, die Sehnsuchtsstadt der Deutschen in der ach so geliebten Toskana, die überschwemmte Stadt, die Stadt, die im Sommer kaum noch atmen kann vor lauter Menschen, die mit ihren Kameras die Stadt ablichten, auf den Spuren der Medici, Michelangelo David anschauen, oder die Venus von Botticelli in den Uffizien. Millionen Fotos, Millionen Ansichtskarten zeigen diese Stadt. Und Gerhard Richter übermalt diese Fotos, gegen den Strom der Touristen, gegen die ach so bekannten Fotografien und Ansichtskarten. Übermalt mit Öl die Fotografien, übermalt und gibt der Stadt ihr Geheimnis wieder.

Firenze

Gerhard Richter, Firenze (7/99), 2000

Idomeni

Das Ende der Welt. Kann weit sein. Kann nah sein. Idomeni ist das Ende der Welt. Das Ende für die Flüchtlinge. Das Ende von Europa. Zumindest von einem menschlich. Humanen. Besseren. Die Geschichte von Europa war, nach Hitler, nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Geschichte der Hoffnung. Die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland entstand. Die Mauer fiel. Die Fronten zwischen Ost und West lösten sich auf. Der kalte Krieg verschwand. Die EU wurde immer größer. Der Euro kam. Die Grenzen fielen. Die Eurokrise kam und alle schimpften auf Griechenland. Für die Flüchtlinge war Idomeni die Hoffnung. Jetzt ist es das Ende der Welt. Es geht nicht weiter. Und Europa ist am Ende. Das christliche Abendland fährt Europa gegen die Wand, zurück bleiben die Trümmer. Zurück bleibt die Hoffnung. Zurück bleiben die Flüchtlinge. Griechenland, der Ursprung von Europa, markiert auch die größte Krise. Wir lassen die Griechen allein mit den Flüchtlingen. Idomeni. Der Wendepunkt. Das Ende einer Idee.

Sommerurlaub

Sie schauen, dem Meer entsprungen, Sommerferienspaß, die Familie. Wer macht das Foto? Wer ist hinter der Kamera? Is es ein Fremder? Ist es ein Mitglied der Familie? Sind alle drauf? Fehlt jemand. Lächeln, alle schön Lächeln. Spaghetti, alle sagen jetzt Spaghetti. JEtzt wackelt doch nicht so. Haltet still. Klick. Wartet, ich mach noch eins. Noch mal Spaghetti. Eins, zwei, drei. Richter malt dieses Foto, malt, seien sie am Meer, seien sie. Die Aufnahme fast verwackelt. Auslöschend das Gemälde all die anderen Fotos, auslöschend.

 

Familie am Meer

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964

Unscharf, die Tulpen

Als Gerhard Richter die Tulpen malte, die gelben, waren es holländische oder deutsche?, als Richter die Tulpen malte, wurden sie unscharf. Nicht richtig eingestellt die Augen oder das Objektiv? Unscharfe Tulpen, ein Bund unscharfer Tulpen, verwackelt das Gemälde, verwackelt und doch viel schärfer als tausende Fotos, viel schärfer, einbrennend als Bild in die Augen des Betrachters, viel schärfer als tausende Fotos, viel. Vorher fotografiert hatte Richter die Tulpen, scharf fotografiert.

Tulpen

Gerhard Richter, Tulpen, 1995

Vor der Akademie

Nachdem anfing zusprechen, der Affe, anfing zu sprechen, vor der Akademie, nachdem Kafka den Affen Mensch werden lässt und er, der Affe, die Zivilisation kennen lernt, all ihre wunderbaren Vorteile erlernt und trinkt, aus der Flasche trinkt, den Schnaps aus der Flasche trinkt und Mensch wird der Affe und Mensch wird, Kafkas Affe ein Mensch wird, da sieht die Akademie ihr Glück. Ihr Glück?