Franz: Als Nachtisch Crostata

Durchaus hatte Franz sein Leben im Griff. Der ausfallende Starkbieranstich verunsicherte ihn nicht. Radelte wie immer durch München. Mild der Winter gewesen. Schnee hatte er in den Bergen aufsuchen müssen. Mild, viel zu mild gewesen. Ein schlaffer Hund, der Winter. Maria ging es gut, sie war gern bei ihm. Doch ihre Eltern fanden das Leben gerade nicht so lustig. Mühsam das Leben geworden, mühsam. Geschäfte zu. Krankenhäuser voll. Lange Schlangen vor der Apotheke. Keine Touristen in Florenz. Zu Ostern fuhren Franz und Maria immer zu ihren Eltern. Würde nichts werden. Franz hatte genug Ideen. Gedichte fielen ihm schon noch ein. Doch die Stimmung begann zu kippen in der Stadt. Fußball lieferte keinen Trost mehr. Die Löwen sowieso nicht. Nichts fand mehr statt. Außer die Wahlen. Die würden noch stattfinden. Da war dem Staat wohl keine Alternative eingefallen. Für Briefwahlunterlagen war es nun zu spät. Er mochte auch keine Briefwahl. Liebte den Gang in die Kabine. Früher war es oft nach dem Gottesdienst gewesen. Die fielen nun eh aus. Die Wahl war für Franz immer ein heiliger Akt. Das Fest der Demokratie. Die Innenstadt war heute fast leer gewesen. Fast. So schien es ihm. Nächste Woche würde es noch leerer werden. Franz würde zur Wahl gehen. Er ging immer. Eigentlich wollte Franz mit Maria ins Theater gehen. Abgesagt. Ein paar Freunde würden zum Abendessen kommen. Das ging noch. Ganz auf Kontakte verzichten wollte er noch nicht. Toilettenpapier war ja daheim. Nudeln auch. Wein sowieso. Zum Wählen würde er seinen eigenen Stift mitnehmen. Hatte er noch nie gemacht. Ob die AfD in München draußen bleiben würde? Er hoffte es. Doch dazu würde es wohl eine hohe Wahlbeteiligung brauchen. Und die würde es wohl kaum geben dank des Virus. Toilettenpapier hatte er genug. Zumindest für die nächste Woche. Zur Not hatte er alte Zeitungen. Wie auf der Alm. Da gab es oft auch nur alte Zeitung. Maria telefonierte jetzt täglich mit daheim. Depression lag über Italien. Maria brauchte Aufheiterung. Für den Abend hatten sie genug Rotwein in der Wohnung. Rot war der Abendhimmel gewesen. Lieblich balzten die Vögeln. Das Risotto würde den Bau wärmen. Maria liebte Risotto. Als Nachtisch Crostata. Das musste Maria trösten. Das Rezept war von ihrer Nonna. Mehr brauchte sie nicht. Und Rotwein.

der wanderer #2

 

die kreuze waren längst abgeräumt, kraniche

zogen richtung norden, grau sein gewand

kurz vor mitternacht brannte das feuer

versperrt blieben die holzwege dem

wanderer, auf der suche nach der wahrheit

rastlos umherirrend, nicht lesbar die schrift

an den bäumen, das klappern der schnäbel

hallt über dem see, hermes grüßt von

weitem, die sümpfe der ebene längst

trockengelegt, schlaflos die wachsamkeit

bezirzend sein tanz in der frühen morgenstund

helden schlafen auf der ofenbank

 

das unkraut kroch aus allen

erdritzen, von schnee keine spur

mehr, die schmale sichel des

mondes ragt über gilgamesch, könig

lear isst keine linsensuppe mehr

unter dem tisch liegt die ordnung

des tages, amseln streiten

sich über den besseren platz in

der sonne, ameisen suchen ihre

straße, mimosen allenthalben

helden schlafen auf der ofenbank