sonntagmorgen #2


der mann im mond heute nacht
heruntergefallen, leicht zerbeult sitzt
er im menschenleeren park, wollmütze


auf dem kopf, zu seinen füßen suchen
krähen ihr frühstück zusammen. neben
ihm liegt eine leere flasche wodka. kinder


holen beim bäcker die frühstückssemmeln
vereinzelt fährt ein radfahrer vorbei. der
weiße himmel liegt tief über der stadt


autos schlafen noch. heruntergefallen
heut nacht der mann im mond, leer die
flasche wodka im menschenleeren park

Das Treppenhaus #2

Täglich ging sie hinunter und wieder hinauf. Früher hatte sie nicht gezählt, wie oft sie rauf und runter und wieder rauf gelaufen war. Heute teilte sie sich die Wege genau ein. Sie wohnt im zweiten Stock. Seit Jahrzehnten. Schon als Kind hatte sie hier gelebt. München. Westend. Nichts besonderes. Kein großes Leben. Wie durch ein Wunder war das Haus im Krieg nicht groß zerstört worden. Fast als einzigstes Haus in der Straße Nur das Dach hatte nicht gut ausgesehen. Im Hinterhof hatte sie früher mit ihren Geschwistern gespielt. Vom Balkon aus sah sie gern den Kindern zu. Als würde sie selber noch rumhüpfen können. Oft waren ihre Füße dick. Wasser. Das Herz war nicht mehr das jüngste. Das Treppenhaus hatte alte Stiegen. Bunte Farbe an den Wänden. Mitunter kam der Putz runter. Das Geländer war geschmiedet. Als Kind war sie runtergerutscht. Beim Krieg waren sie bei Verwandte untergekommen. Auf dem Land. Allgäu. Da hatte es genug zum Essen gegeben. Heute brauchte sie nicht mehr viel. Einmal am Tag ging sie zum Einkaufen. Die Treppe runter. Vergessen durfte sie nichts. Zwei Mal schaffte sie die Treppe nicht mehr gut. Nur wenn es gar nicht anderes ging. Die Luft wurde knapp beim Raufgehen. Zum Glück gab es in der Nähe einen kleinen Supermarkt. Der hatte alles, was sie brauchte. Manchmal halfen Nachbarn beim Tragen. Dann ging es leichter. Das Holz der Stiegen war ziemlich ausgetreten und knarzte bei jedem Schritt. In letzter Zeit hatte sie jetzt immer Turnschuhe an. Hatte der Enkel ihr geschenkt. Sprünge machte sie trotzdem keine damit. Der Enkel war jetzt schon groß. Verdiente sein eigenes Geld. Er kam öfters vorbei. Wenn er kam, hatte sie mehr Hunger. Manchmal brachte er seine Freundin mit. Gern würde sie noch Uroma werden. Auf dem Balkon zupfte sie oft an den Geranien. Die brachte immer der Enkel mit. Im ersten Stock wohnten zwei Familien. Sie verstand nicht immer, was sie sprachen. Die Musik kannte sie auch nicht. Doch letzten Sommer hatte es ein Hausfest gegeben. Zum ersten Mal seit ewiger Zeit. Und die Nachbarn hatten sie gebeten zu kommen. Sie ist lang im Hinterhof gesessen. Hat von ihrer Familie erzählt. Ihr Bruder war gefallen im Krieg. Ihr Mann lang in Gefangenschaft gewesen. War keine schöne Zeit gewesen. Aus Ostanatolien kamen die Nachbarn. Haben auch vom Krieg erzählt. Dann haben sie getrunken und gelacht. Echte Zähne hat sie schon lange keine mehr. Aber auf dem Foto sieht sie sich mit einem wunderbaren Lachen. Bald wird sie 90. Der Enkel will ein großes Fest organisieren. Sie hat ja gesagt, aber nur, wenn die Nachbarn eingeladen werden.

leere schwalbennester


unter dem dach klebten die leeren
schwalbennester, darunter der
zurechtgestutzte weinstock, blattloses
gerippe im winter, im keller die


geernteten äpfel des herbstes, ins
braun gehen wiesen nach der
schneeschmelze, noch ist eine
rückkehr der vögel nicht zu


erwarten, samen wartet in den
tüten auf den warmen mutterboden
hände des gärtners in ruhestellung
leere schwalbennester unterm dach

den winter hat sie nie gemocht #2


schwer der gang über den
flur. zwischen küche, bad und
stube ihr ganzes revier. vor die
tür kommt sie nur noch selten. in


den 1. stock schon gar nicht. sie
kommt vom land und lebt vom
land. immer bäuerin gewesen.
die furchen des ackers und die
falten des gesichts gleichen immer


mehr. im stall ist schon lang kein
vieh mehr. alle kühe verkauft. ihre
knie machen schnell schlapp. einer
der kinder schaut immer nach ihr


die haare kann sie nicht mehr selber
machen. wenn sie am herd steht
macht sie am liebsten suppe. die
wärmt. von außen. von innen. den
winter hat sie noch nie gemocht