Opole: Urszula #3

Fast ihr ganzes Leben hatte Urszula in Opole verbracht. Die Oder hatte sie immer begleitet. Sie liebte den Fluss. Sein Wasser. Seine Ruhe. Saß oft stundenlang am Ufer. Hörte den Wellen zu. Sah den Fluss beim Träumen zu. Nach dem Krieg war die Stadt menschenleer gewesen. Doch schnell hatte sich die Stadt wieder gefüllt. Früher lebten viele Deutsche hier. Nun sind es fast nur Polen. Urszulas Familie war nach dem Krieg gekommen. Sie hatte mit den Deutschen nichts zu tun gehabt. Sie war da ein kleines Kind gewesen. Heute wohnt sie direkt an einem Nebenarm der Oder. Boote fahren vor ihrem Wohnzimmer entlang. Im Sommer fängt sie die Mücken. Sie mag das Summen nicht. Sie mag den Stich nicht. Früher hatte es hier Wassermühlen gegeben. Der Müller das Korn gemahlen. Gerne geht sie am Wasser ein paar Schritte. Setzt sich auf eine Bank, liest. Urszula liest jeden Tag Zeitung. Sie will wissen, was in der Welt passiert. Noch lieber liest sie Bücher. Wenn sie liest, ist sie in der anderen Welt. Jeden Tag fährt sie in die Zementfabrik. Arbeitet dort im Büro. Am Ende des Tages spuckt die Fabrik graue Arbeiter aus. Müde Gesicher gehen nach Hause. Auch Urszulas Gesicht ist dann müde. Wenn sie am Wochenende Zeit hat, fährt sie nach Annaberg. Dort gibt es ein Kloster. Ihre Kinder sind in die Hauptstadt gezogen. Bessere Arbeit. Besser bezahlt. Urszula würde nicht weggehen wollen. Sie hatte hier ihre Heimat. Nur als die Oder Hochwasser hatte, hatte sie kurz überlegt. Das ganze Haus war voll Wasser gewesen. Manchmal besucht sie ihre Kinder. Noch ist sie ja jung. Dann fährt sie mit dem Zug nach Warschau. Bleibt für ein paar Tage dort. Sie mag Warschau nicht. Es ist ihr zu laut. Zu groß. Mit dem Auto würde sie dort nicht hinfahren wollen. Urszula fährt gerne Auto. Sie liebt ihren kleinen Fiat. Damit kommt sie überall hin. Schnell fährt Urszula nicht. Schnell ist sie nie gefahren. Der Vater der Kinder ist irgendwo anders. Hat Karriere gemacht. Bei der Partei. Als es die Partei nicht mehr gab, hat er weiter Karriere gemacht. Warum auch nicht. Er wusste, wie Karriere ging. Urszula hatte die Kinder allein großgezogen. Immer hatte sie im grauen Büro der Zementfabrik gearbeitet. Am Montag würde sie wieder hingehen. Nach dem Wochenende ging sie immer hin. Warschau mochte sie nicht.

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