Sewerobaikalsk: Pjotr

Groß war die Stadt nicht, in der er lebte, groß war sie nicht. Und eine lange Geschichte hatte sie auch nicht. Sie liegt am nordwestlichen Ufer des Baikalsees. Erst in den 70zigern gebaut, wegen der Eisenbahn. Wegen der Eisenbahn wurde viel gebaut. Die Eisenbahn war den Russen wichtig. Sie war ihnen früher wichtig, sie war ihnen heute wichtig. Die Eisenbahn sollte sie alle verbinden. Ihnen alle das Glück bringen. Auch ihnen in Sibirien. Die Erde war hier reich. Sie war voller Schätze. Kohle, Eisen, Kupfer. Lag genug herum. Überall. Unter der Erde. Hinter Sewerobaikalsk kommen die Berge. Keine leichte Strecke für die Eisenbahn. Pjotr war für die Oberleitungen der Bahn zuständig. Musste sie ständig kontrollieren. Hatte immer eine orangene Weste an und einen orangenen Helm. Sicherheit musst sein. Sein Job war nicht ungefährlich. Ständig Starkstrom. 27.000 Volt. Da war schon mancher gestorben. Ein falscher Handgriff und der Tod durchfuhr den Körper.  Die Stromleitungen hatten es aber auch nicht leicht. Im Winter bitterkalt. Im Sommer große Hitze. 

Von Sewerobaikalsk führten die Gleise ein Stück am Baikalsee entlang. Pjotr war wegen der Arbeit hergekommen. Aus Weißrussland. Sie wurde gut bezahlt. War Elektriker. Hatte seine Frau bei der Eisenbahn kennengelernt. Hier waren fast alle bei der Eisenbahn. Die Eisenbahn war ihr Leben. Die Stadt war jung. Die Leute waren jung. Zumindest gewesen. Mit der Stadt wurden sie älter. Pjotr hatte drei Kinder. Alles Jungs. Gingen in die Schule. Er spielte gerne mit ihnen Fußball. Im Sommer. Wenn der Schnee weg war. Die Sommer waren sehr kurz. Im Winter spielte er mit ihnen Eishockey. Im Winter war der See lange zugefroren. Da konnten sie am Wochenende endlos spielen. Sie fuhren mit dem Auto einfach auf den See und luden ihre Sachen aus. Alle fuhren mit dem Auto auf den See. Pjotr wäre gerne Eishockeyprofi geworden. In Kanada. Kanada war sein Traum gewesen.  Daraus war nichts geworden. Vielleicht würden es seine Jungs schaffen. Er trainierte viel mit ihnen. Aber er trainierte auch für sich. Er wollte am Marathon teilnehmen. Über den See. Im März. Er hatte noch Zeit. Und er war gut in Form. Seiner Frau gefiel sein Körper. Bei den Oberleitungen musste er immer höllisch aufpassen. Pjotr hatte gute Nerven. Die konnte er brauchen. Über den See laufen. Das wollte er einmal schaffen. Im März würde er es probieren. Von Tanchoi nach Listwjanka. Über das gefrorene Wasser. Seine Lungen waren die kalte Luft gewöhnt. Arbeitete jeden Tag an der frischen Luft. Seine Lungen würden das schaffen. Seine Frau und seine Jungs würden ihm die Daumen drücken. Pjotr lebte gern in Sewerobaikalsk. Er verdiente hier gutes Geld. Er konnte seiner Familie was bieten. Sie hatten ein Haus, sie hatten ein Auto. Was konnte man sonst erwarten? Kanada war sein Traum gewesen.

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