Jakutsk: Jelena

Jakutsk ist nichts für Verfrorene. Nicht einmal der Zug fährt bis zur Stadt. Schon vorher Endstation. Jelena war nicht verfroren. Der Zug fährt nur bis Nischni Bestjach. Nur ein kleines Dorf. Aber die Endstation. Die Lena ist auch hier groß und schön. Und eisig. Die Karpfen fühlen sich wohl. In Nischni Bestjach ist der Hund begraben. Niemand will dort hin. Wenn schon jemand mit dem Zug anreist in den hohen Norden, dann will er nach Jakutsk. Doch die Lena trennt Jakutsk vom Bahnhof, von Nischni Bestjach. Und die Lena ist breit. Über zwei Kilometer. Viel Wasser. Jelena hatte es vor ein paar Jahre hierher verschlagen. Sie hatte eine Stelle als Lehrerin angenommen. Sie wollte raus aus St. Petersburg. Weg von ihrer Familie. Weit weg. Weit weg war sie gekommen. Moskau ist von rund 5000 Kilometer entfernt. Luftlinie. 

So schnell bekam sie keinen Besuch ihrer Eltern. Sie reiste auch nur einmal im Jahr zu ihren Eltern. Die Zugfahrt dauerte eine Ewigkeit. Wenn, dann fliegt sie heim. Der Flughafen lag im Norden der Stadt. Schon älter. Ein sehr einfacher. Eine Landebahn ist meist geöffnet. Die zweite arg kurz und geschlossen. War schon im Krieg benutzt worden. Die Amerikaner hatten hier die Russen unterstützt. Mit dem Taxi war Jelena schnell am Terminal. Schneller als am Bahnhof. Sie flog immer mit der Yakutia Airlines. Der Flug ging auch nicht schnell. Und je nach Aufenthalt in Moskau dauerte er elf bis zwölf Stunden. Doch besser als eine Woche mit dem Zug fahren. Jelena hatte es so gewollt. Zu Weihnachten flog sie immer heim. Weihnachten ohne ihre Eltern, das ging nicht. Sie hatte jetzt einen Freund. Sie würden im Sommer heiraten wollen. Ihr Freund war Jakute. Schamane. Im Osten gab es viele Schamanen. Er hatte wunderbare Hände. Jelena unterrichtete Musik und Literatur in Jakutsk. Ihr Freund hatte eine schöne Stimme. Eine tiefe Stimme. Ein richtiger Bass. Jakutsk war ihr Schicksal. Ihr Glück. Im Winter trug sie Pelz. Fast alle trugen im Winter Pelz. Anders war die Kälte nicht auszuhalten. Die Kosaken hatten den christlichen Glauben zwar in den Osten gebracht, doch die Jakuten hatten ihre Bräuche behalten. Schamanen waren geblieben. Ajars Vater war Schamane und sein Vater war auch Schamane gewesen. Auch sein Sohn würde Schamane werden. Da war sich Ajar sicher. Jelena war das recht. Sie war geflohen aus dem Westen und hatte im Osten ihr Glück gefunden. Jelena hört Ajar gerne auf der Maultrommel spielen. Auch wenn dies kein richtiges Musikinstrument für sie war. Vielleicht würde die Bahnstrecke weitergebaut werden, Jakutsk erreichen, weiter in den Norden gehen. Vielleicht würde sie auch nie gebaut werden. Das Geld fehlte. Keiner wollte es geben. Jakutsk ist kalt. Der Boden ist kalt. Aber nicht die Menschen. Eisfischen ist hier nichts besonders. Eisfischen ist hier das halbe Jahr. Doch im Sommer wird es hier heiß. Richtig heiß. 

Jakutsk ist die kälteste Großstadt. Weiß im Winter. Weiß die Dächer der Häuser. Weiß die Straßen. Ab Oktober geht es zum Eisfischen. Fremde halten dies nicht aus. Die Menschen haben hier ein großes Herz. Jelena hat hier ihr Herz verloren. An der Uni hatte Jelena einen kleinen Lehrauftrag. Ajar störte dies nicht. Warum auch. Aber es war nicht seine Welt. Ajar wohnte nicht in der Stadt. Ajar hatte ein Pferd. Die Menschen kamen zu ihm, wenn sie was von ihm wollten. Auch Jelena fuhr zu ihn raus. Ajars Bruder fing Rentiere. Oder Karpfen. Doch er brauchte auch nicht viel. Hatte Hunde, Laikas, mit denen er zum Jagen und Fischen ging. Ajar und sein Bruder wohnten zusammen. 

In St. Petersburg war es nicht ganz so kalt gewesen. Doch Jelena hatte sich an das Wetter in Jakutsk gewöhnt. Fand die Sommer wunderbar mit der Hitze. Speicherte dann die Sonne für den Winter. Nur die Mücken im Sommer mochte sie nicht. Sie liebte ihren Schamanen. Er hatte so wunderbar Hände. Jakutsk ist nichts für Verfrorene.

2 Antworten auf „Jakutsk: Jelena“

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