Petropawlowsk-Kamtschatski: Nastja

Sein schneebedecktes Haupt ist gut zu sehen. Erinnerte sie fast an den heiligen Berg. Das Meer und der Berg. Das war ihre Heimat. Manchmal grollte der Berg. Korjakskaja Sopka war kein toter Berg. Er lebte noch. Spuckte gerne mal Rauch aus. Stolz grüßte er. Herrschte über seine Halbinsel. 

Sie war Meeresbiologin geworden. Liebte das Meer. Das Rauschen der Wellen. Die Fische. Vor allem die Ökologie des Meeres war ihr Forschungsthema. Es gab immer mehr Veränderungen. Sie dokumentierte die Meeresbewohner. Arbeitete an einer riesigen Datenbank zur Erfassung der Meereslebewesen mit. Nastja hatte in St. Petersburg studiert und promoviert. Gerne hatte sie dort gelebt. Doch ihre Heimat ist St. Petersburg nicht gewesen. Für sie war immer klar, dass sie zu ihrem Meer zurückwollte. Ihr Meer war der Pazifik.  Nicht die Ostsee. Nastja hatte schon die Größe vom St. Petersburg gefallen, ihr hatte Europa gefallen. Sie war gerne ins Theater gegangen. Hatte sich die Schlösser angeschaut. Die Museen. Oft war sie in der Eremitage gewesen. Hatte sich dort da Vinci angeschaut. Matisse und Gauguin. Im Mariinski-Theater ist sie gerne gewesen, hatte sich Opern angehört. 

Doch Nastja gehörte nicht nach St. Petersburg, sie musste zu ihrem Berg, zu ihrem Meer. Dort war sie zuhause. Dort musste sie leben. In Petropawlowsk-Kamtschatski hatte sie ihre Familie. Ihre Eltern. Ihre Großeltern. Ihre Geschwister. Zwei Brüder hatte sie, die beide in Moskau studiert hatten. Sie dachte gerne an die Zeit in St. Petersburg zurück. Doch hatte sie immer auch ihre Familie vermisst. Als Studentin war sie im Sommer mit dem Zug nach Hause gefahren. Zumindest zwei, drei Mal. Zu Weihnachten immer geflogen. Seegurken und Igelwürmer waren Nastja Spezialgebiet. Sie arbeitete mit der Akademie in Wladiwostok zusammen.  

Kamtschatka ist nicht klein für eine Halbinsel. Viele Vulkane sind dort. Nastja mochte diese Vulkane, doch das Meer mochte sie noch mehr. Über hundert Vulkane gab es, doch zum Glück waren nicht mehr alle aktiv. Wenig Menschen trifft man auf der Halbinsel. Doch in trifft man viele. Nastja lebte in der Stadt, brauchte die Menschen. Doch Nastaj brauchte auch die Stille. Die Natur. 

Früher durften auf Kamtschatka keine Touristen kommen, früher, als der Kalte Krieg war. Kamtschatka war Militärisches Sperrgebiet. Hier konnte man nicht einfach kommen und gehen. Nastjas Familie hatte hier immer schon gelebt. Ihr Vater hatte für das Militär gearbeitet. Kriegsschiffe gewartet. Viele Schiffe waren immer im Hafen gewesen. Nastjas Brüder forschten über Geothemie. Da gab es hier viel zu sehen. Neben den Vulkanen auch die Geysire. Im Sommer ging Nastja gerne surfen. Mit ihren Brüdern. Oder Schnorcheln. Tintenfisch jagen. Die aßen sie dann, nachdem sie die über dem Feuer gegrillt hatten. Die Wellen rauschten immer in Nastjas Ohren. Im Sommer. Im Winter. Manchmal ging Nastja zum Beten in die Dreifaltigkeitskathedrale. Doch am liebsten betete sie draußen. Wenn man dies beten nennen kann. Jeden morgen grüßte sie ihren Berg. Ihr Berg war heilig. Sie liebte sein schneebedecktes Haupt. Als wäre es der Fuji. Nastja war gerne in Japan. Japan war um die Ecke. Sie liebte Sushi. Im Sommer würde sie dort Urlaub machen. Den Fuji hatte sie auch schon bestiegen. Auch sein schneeweißes Haupt hatte sie gegrüßt. 

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