Werchojansk: Dusja

Eigentlich dürfte es solche Ort gar nicht geben. Solche Orte waren nicht für Menschen gemacht. Die Winter hier waren nicht für Menschen. Doch Dusia hielt es aus. Die anderen Menschen auch. Rund 1000 waren es, die in Werchojansk lebten. Eigentlich ein Dorf. Es war aber ein kleines Städtchen. Für Menschen war der Ort nicht gemacht. Viel zu kalt im Winter. Die Minusgrade waren unerbittlich. Minus 50 Grad war keine Ausnahme. Kälter geht eigentlich im Winter nicht. Verrückt müssen die Kosaken gewesen sein.

Werchojansk liegt an der Jana. Die Jana schenkte den Menschen Fische. Zumindest im Sommer. Und Mücken. Im Winter war überall Eis. Fischen mühsam. Eisfischen war ja gut und schön. Doch man muss erst einmal durch das Eis kommen. Dusja angelte wenn,  dann nur im Sommer. Mittlerweile wurden die Sommer immer heißer in Nordsibirien. Locker wurden über 30 Grad erreicht. Wenn Sommer war, erwachte die Stadt zum Leben. Dann ging keiner früh ins Bett. Die Nächte waren kurz. Und hell. Die Jungs würden am liebsten die ganze Nacht durch Fußball spielen. Die Erwachsenen tanzen. Das war auch kein Wunder. Waren die Winter doch kalt und dunkel. Und Winter war fast immer in Werchojansk. Dusja arbeitete im kleinen Hotel. Es gehörte ihrem Onkel. Sie war Mädchen für alles. Sie machte die Zimmer. Stand an der Rezeption. Half in der Küche. Das Hotel hatte auch ein Gewächshaus. Sie mussten es aber ordentlich heizen. Um Tomaten und Gurken zu bekommen. Das Hotel hat nur ein paar Zimmer. Einfach eingerichtet. Hier brauchte keiner Luxus. 

Rot war die Suppe. Tiefrot. Die Dusja gerne kochte. Im Winter. Im Sommer. Die roten Beeten leisteten ganze Arbeit. Rot musste der Borschtsch sein. Mit roter Bete. Und Weißkraut meistens auch. Rindfleisch gehörte dazu. Dill durfte auch sein. Kartoffeln vielleicht noch und Karotten. Bohnen tat sie nicht rein. Paprika auch nicht. Natürlich gab es verschiedene Rezepte. Natürlich. Aber Dusja experimente beim Borschtsch nicht so viel. Ein wenig schon, aber Fisch würde sie nicht rein tun. Sie kochte Fischsuppen, aber das war dann eine Fischsuppe und kein Borschtsch. Im Sommer aß Dusia den Borschtsch gerne auch kalt. Aber im Winter musste er heiß sein. Natürlich durfte der Schmand nicht fehlen. Schmand war wichtig. Schmand war immer bei Dusia im Kühlschrank. 

Manchmal ging Dusja ins Kino. Nein. Eigentlich war es kein Kino. Aber im Kulturhaus der Stadt liefen Filme. Gerne mochte sie Liebesfilme. Wölfe mag Dusja nicht. In den Nächten hört sie oft Wölfe. Touristen kommen wenige in die Stadt. Wer soll auch kommen in die Kälte. Nur Verwegene. Die, die schon alles gesehen haben. Die kamen dann im Winter. Um sich die Kälte zu geben. Für ein Luxushotel waren es aber zu wenig Touristen. Die Kosaken müssen verrückt gewesen sein, als sie in den Osten zogen. Was wollten sie hier in der Kälte?

Immerhin gibt es sogar ein Museum in Werchojansk. Ein Heimatmuseum. Mammutknochen liegen da rum. Eine Jurte steht auch im Hof des Museums herum. Mit Ausstattung. Werchojansk hat alles was man braucht. Oder auch nicht. Im kleinen Laden bekommt Dusja fast alles. Sie könnte auch in die Kneipe gehen. Doch das machte sie selten. Ist eher nichts für Frauen. Wenn Touristen kommen, macht sie auch die Fremdenführerin. Sie hat einen größeren Geländewagen. Mit dem kommt man schon rum. Mit den Touristen geht sie zum Fischen. Mit den Touristen geht sie auch auf die Jagd. Man muss ja den Leuten was bieten. Immer noch trinken zu viele Menschen im Städtchen Alkohol. Im Winter nicht ungefährlich. Die Gefahr, auf der Straße zu erfrieren, wäre groß. Die Polizei passt da auf. Sie braucht ja auch eine Aufgabe. Wenn es ganz kalt ist, aber nur dann, schließt die Schule. Als ab minus 49 Grad für die Unterschüler. Die größeren dürfen dann noch gehen. 

Nach dem Umbruch waren viele Jüngere von hier fortgezogen. Wie überall in Sibirien. Geld verdienen konnte man woanders besser. Dank der digitalen Medien ist die Welt nun auch in Werchojansk. Dusja kennt so ein wenig von der Welt. Sie wird einmal weggehen. Zumindest für ein Jahr. Sie ist jung. Sie hat noch Pläne. Sie hat Wünsche. Als die Kosaken den Ort gegründet hatten, mussten sie verrückt gewesen sein.

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