
Hochablass


Die Zahlen gefielen Franz. Die Zahlen gefielen Maria. Die Zahlen erzählten von der Hoffnung. Von der Hoffnung, dass die Ausgangsregulierungen Sinn machten. Das es besser würde. Das es vorbei gehen würde. Die Todeszahlen in Italien waren verheerend. Doch der Verdopplungstage wurden immer mehr. Über 12 in Italien. Auch in Deutschland wendeten sich die Zahlen zum Guten. Bayern hinkte da noch schwer hinterher. Hatte die meisten Tote in Deutschland. Franz vermisste das Leben in der Stadt. Würde sich freuen, wenn es wieder Fußball geben würde. Doch schien ihm dies auch leichtsinnig. Nach den Osterferien würde es hoffentlich Lockerungen geben. Und noch bessere Zahlen. Die Zahl der Maskenträger wurden mehr in der Stadt. Auch die Schalträger. Vermummungsverbot aufgelöst. Manche übten noch den richtigen Sitz der Maske. Nicht immer einfach. Der Ministerpräsident von NRW hatte es auch nicht gleich hinbekommen. War ja auch nicht jeder OP-Schwester. Im Fernsehen hatte er gestern „Irgendwie und Sowieso“ angeschaut. Franz liebte diese Serie. Diese Melancholie. Beste Zeit, irgendwie. Und doch nicht. Bewegte Bilder waren jetzt manchmal gut. Erzählten von einem normalen Leben. Blau war der Himmel gewesen. So wunderbar blau. Sento fischiare sopra i tetti, un aeroplano che se ne va.

Kalt Ende März. Winterfrost. Die Rosen zieht die Blätter wieder ein. Ein Stocken der Natur. Kälter als im Januar die Nächte. Raureif auf den Wiesen. Franz mochte dieses Wetter. Im Januar. Und radeln ging auch so im März. Natürlich. Doch die Verschiebung des Winters in den März musste nicht sein. Lieber warme Luft. Auf dem Balkon war es viel zu kalt, um länger dort zu verweilen. Von gegenüber seltsames Husten an seinem Ohr. Geräusche, die ihn zusammenfahren liessen. Schnell dreht sich Franz immer zur Seite, wenn jemand hustete. München war voll und leer zugleich. Der neue OB war der alte OB und musste jetzt zusehen, woher er eine Mehrheit im Rathaus fand. Die Verdopplungszahlen entwickelten sich in Italien positiv. Auch in Deutschland. Bayern hinkte da noch etwas hinterher. Maria machte gerade viele Fotos von der leeren Stadt. Er schrieb lieber weiter an seinen Texten. Gedichte fielen ihm da gerade nicht leicht. Gedichte wollten nicht passen. Lieber erzählen. Einen Fluss der Wörter herstellen. Maria hatte einen Kuchen gemacht. Crostata al Limone. Was schmeckte mehr nach Sommer und Italien. Und Hefe braucht man dafür auch nicht. Sotto l’ombra di un bel fior. Daran dachte Maria öfters als ihr lieb.

Der Sonntag war für Franz ruhig vonstatten gegangen. Die Stichwahl des Oberbürgermeisters war per Briefwahl gelaufen. Niemand durfte mehr in eine Wahlkabine. Zwei Wochen vorher war dies noch anders gewesen. Franz hatte nichts gegen Briefwahl. Doch als Zwang schon ungewöhnlich. Reiter war in München bestätigt worden. Keine Überraschung. Das Ergebnis mehr als eindeutig. Anderswo war es spannender gewesen. Maria hatte den Tag im Atelier verbracht. Franz war durch die Stadt geradelt und hatte ein wenig geschrieben. In Italien war die Verdopplungsquote auf einem guten Weg. Es wurde Zeit. Doch kein Grund zur Entwarnung. In New York explodierten die Zahlen gerade. Keine Überraschung. Bis nach den Osterferien würde in Deutschland alles zubleiben. Solange es keine Verschlimmerung gab, würde er die Zeit schon rumbringen. Am Abend hatte er gekocht für Maria. Ein Freund hatte einen Saibling gefangen und ihm geschenkt. So gab es am Abend unverhofft frischen Fisch. Schmeckte fast nach Meer, obwohl er aus einem See kam. Kein schlechter Trost für Maria. Am Abend skypte Maria meist mit ihren Eltern. Da konnte es nicht schaden, glücklich zu sein. Die Botschaften waren meist keine guten. Wie auch.
Ruhig geworden war es in der Stadt. Aus den U-Bahnen strömt kaum noch Menschen. Radfahrer gab es zahlreiche. Der morgendliche Stau auf dem Ring findet nicht mehr statt. Fast sauber die Luft. Und doch unheimlich. In der Früh hatte Franz frisches Gemüse und Obst gekauft. Er war nicht der Konservenmensch. Der Obstladen war kaum besucht. Wie die meisten Geschäfte, die noch offen hatten. Die Menschen aßen jetzt wohl ihre Dosensuppen. Für irgendwas mussten sie ja da sein. Kalt die Luft in der Stadt. Am Nachmittag blau der Horizont. Più bella cosa non c’è


Einkaufen macht Franz nur noch wenig Freude. Den meisten Anderen scheinbar auch nicht. Beim Metzger des Vertrauens wenig los. Dafür alle Verkäufer mit Maske und Handschuhe. Weiträumige Abschirmung. Das Personal freundlich wie immer. Beim Bäcker nebenan war mehr los. Auch beim Supermarkt ungewohnte Ruhe. Hefe gab es trotzdem keine. Deutschland, du Land der Hobbybäcker. Backpulver war nicht so begehrt. Was für Anfänger. Verlockend warm die Luft. Balkon geöffnet. Mittags aßen Maria und Franz unter freiem Himmel. Eine leichte Jacke reichte aus. Schnelle Küche. Pasta al Radicchio. Ging schnell. Schmeckte beiden gut. Angenehm bitter. Nach der Siesta ein wenig mit dem Rad raus. Zu schön die Sonne. Zu leicht die Gedanken. Vergnügt fuhren sie Schlangenlinien. Von der Isar das Hochufer rauf ein kleines Wettrennen. Die Muskeln spüren tat gut. Der Schreibtisch konnte noch warten. E volavo, volavo felice più in alto del sole. Mehr konnte jetzt nicht sein. Mehr musste jetzt nicht sein.
Wärmer wurde es. Frühlungsluft. Maria machte sich deswegen Sorgen. OB sich die Leute an die Regeln halten würden? Morgen ist Wochenende und wenn die Menschen über die Strenge schlagen würden, würden die Regeln härter werden. Maria wusste, was kommen könnte. In Italien waren die Regeln anders. Eine Freundin aus Florenz hatte ein Kind bekommen und die frischen Großeltern hatten das Kind noch nicht sehen können. Natürlich würden sie feiern. Später. Alle sagten immer: später. Sie mussten alle Geduld haben. In Italien. In Deutschland. Später. Andrà tutto bene. Später. Noch hatte sie Geduld. Franz kochte und buk wie ein Weltmeister für sie. Wenn Maria mit ihrer Familie telefonierte, dann wurde sie oft immer trauriger. Franz musste sie trösten. Natürlich war der Himmel blau. Wieder. Und es wurde wärmer. Regen wäre ihr lieber. Regen und Kälte. Dann hielten sich die Leute wenigsten an diese beschissenen Regeln. Penso che un sogno così non ritorni mai più. Volare.