
Bonifatius


Bonifatius brachte keine Wärme. Handcremdwetter. Handschuhwetter. Pollen fliegen da nicht groß rum. Heuschnupfengeplagte hatten jetzt eh gut Lachen. Mit der Maske blieb einiges von der Nase weg. Franz war ohne Handschuhe unterwegs gewesen. War ein Fehler. War aber zu überstehen. Die Bibliotheken waren offen und Franz liebte diese arbeitsame Stille. Musste recherchieren. Musste schreiben. Hatte der Zeitschrift einen Essay versprochen. Brauchte Fakten. Brauchte Quellen. Die Finanzen des Staates hatte plötzlich große Löcher. Milliardenlöcher. Doch dazu gab es keine Alternativen. Momentan hatte Deutschland eine gute Quote bei Neuinfektionen. Alles lief noch nach Plan. Noch funktionierte Phase 2. New York war anders dran gewesen als München. In München waren die Intensivstationen nicht überfüllt gewesen. Beatmungsgeräte hatten ausgereicht. Am Samstag war Bundesliga. Mal sehen, wie lange es gut gehen würde. Die Alte Pinakothek war wieder offen. Franz machte einen kleinen Abstecher hin. Aus Anlass des 500. Todestages von Raffael . Heilige Familie und Engel. Renaissance. Keine Kunst für Atheisten. Im Museum war Franz lieber als im Einkaufszentrum. Und warm war es auch. Grau war der Himmel. Regen konnte jeden Moment kommen. Eisheilige eben. Namen verdient. Wetter für eine warme Suppe.
Auch Servatius war streng. Und brachte Kühle. Immer wieder Regenschauern. Doch keinen Frost. Handschuhe hätte Franz nicht schlecht gefunden auf dem Rad. Doch ging auch ohne. Die Grenzen waren noch Grenzen. Doch ab Mitte Juni werden sie wieder öffnen. Urlaubsplanungen schienen möglich. Ein kurzer Sprung nach Österreich sowieso. Am Samstag sind 10.000 Leute auf der Theresienwiese angesagt. Protest. Gegen was? Warum? Es gab doch fast keine Corona-Auflagen mehr. 10.000 Leute mit Abstandsregel? Wird schwer für die Polizei, denkt sich der Franz. Franz freute sich schon ein wenig auf den Fußball. Ein wenig Routine. Ein wenig Regelmäßigkeit. Franz hörte gern am Samstag im Radio Fußball. Konferenzschaltung im Radio. Konnte spannend sein. Konnte man auch unterwegs hören. Hatte kein Bezahlabo bei Sky. Warum auch. Ob die Bundesliga zu Ende gespielt werden würde? Darauf wollte Franz nicht wetten. Am Nachmittag hatte Franz die Isar bei Regen überquert. Daheim die Kleidung gewechselt. Angenehm leer die Straßen gewesen. Keine Griller am Ufer. Die Kanzlerin hatte ihren Humor nicht verloren bei der Debatte. In den Schlachthöfen geht es jetzt nicht nur den Schweinen an den Kragen. Maria hatte Franz schon gefragt, ob jetzt alle Deutschen zum Vegetarier werden, wenn die Schlachthöfe alle geschlossen würden? Franz hatte verneint. Alle Deutsche Vegetarier? Soweit war es noch nicht. Am Abend gab es Schnitzel. Franz hatte noch schnell welche beim Metzger gekauft. Bevor es keine mehr gab. Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat. Das passte zum strengen Servatius.

Verschwörungstheorien abgeschworen. Irrlichternde Verrückte. Fern der Vernunft. Franz war kein Kantianer. Doch hinter Kant konnte man nicht zurückfallen. Franz mochte Drosten. Drosten klärte auf. So gut es ging. Mit Geduld. Redete gegen den Irrsinn an. Die Demonstrationen, die es in München und anderswo gegeben hatte, fand Franz absurd und beängstigend. Beängstigend fand er auch die Menge der Menschen in der Fußgängerzone, das Warten vor Kaufhäusern. Franz hatte keine Langeweile und kein Bedürfnis nach Kaufrausch. Auf Kaffee trinken hatte er Lust. Keine Frage. Den gab es ja auch wieder. Im Freien. Im Stehen. Franz vermisste Freunde. Das ja. Das in den Arm nehmen. Der Handschlag. Aber er hatte Maria. Er war nicht allein. Auch wenn es mal knirschte in der Beziehung. Immer zusammen war nicht sein Ding. Musste raus. Schwang sich aufs Rad. Bewegung half immer. Kalt war der Tag gewesen. Pankratius. Eisheiliger. Hielt sein Wort. Wollmütze über die Ohren gezogen. War fast schon eingemottet. Die Vereinigten Staaten liegen vorne in der Corona-Statistik. Und machen sich locker. Als wären die Opferzahlen nicht schon hoch genug. In München kann man wieder auf dem Eisbach surfen. Hatte Franz noch nie gemacht. War kein Surfer. Aber er sah gern mal zu. Radelte oft am Eiskanal vorbei durch den Englischen Garten. Lag am Weg. Hörte das Wasser rauschen.

Mairegen. Kühl. Feste Kleidung musste her. Franz schwang sich aufs Rad durch die Stadt. Fußgängerzone nicht in Sichtweite. War am Samstag viel zu voll gewesen. Abstand? War da was? Auch ohne Demo. Die Demo am Marienplatz war absurd. Vollkommen absurd angesichts dessen, dass es nach wie vor Abstandsregeln gibt. Nicht ohne Grund. Auch wenn die Kapazitäten in den Krankenhäusern reduziert wurden. Die Intensivstationen nicht nur für Coronapatienten parat standen. Auch in Italien wurden extra eingerichtete Stationen wieder geschlossen. Ja. Doch Franz hatte keine Lust auf eine zweite Welle. Durchaus mit Sorge schaute er auf die Bilder aus der Fußgängerzone. Der vernünftige Umgang mit der Freiheit sah anders aus. Da ging Franz lieber in die Natur. Das Leben in der Großstadt mochte Franz eigentlich. Wenn er auch immer wieder aus ihr fliehen musste. Leute, die auf die Demo gegangen waren, waren sicher Fan von Herdenimmunität. Herdenimmunität bedeutet Opfer. Menschenopfer. Corona war keine Grippe. Franz wollte kein Corona. Maria auch nicht. Sie erst recht nicht. Die Bilder von Bergamo hatte sie nicht vergessen. Sie nicht. Kalt war die Luft. Nass. Die Stimmung war schon besser gewesen. Bei Franz und Maria. Die Heizung wurde wieder hoch gefahren. Beim Italiener hatten Franz und Maria kurz Stopp gemacht. Kaffee im Freien. To go. Sonst nicht ihr Ding. Kleine Pappbecher für den Espresso. Guter Geschmack. Trotz der Pappe. Der Geschmack der Freiheit. Der Geschmack von Italien. Fast so laut wie immer war es vor der Bar gewesen. Nicht ganz. Drinnen nur der Barista und die Bedienung. Schmeckte nach Freiheit. Auch im Mairegen.

Schon früh waren Franz und Maria aufgestanden. Raus aus die Stadt. Freunde besuchen. Chiemsee. Gemeinsam wollten sie ein wenig wandern. Zunächst Regen auf der Autobahn. Später verzogen. Himmel blau. Sie wanderten durch die Gegend. Von Sachrang rauf. Vor der Priener Hütte aßen sie Kaiserschmarren to go. Natürlich durften sie nicht an der Hütte sitzen. Mussten sie auch nicht. Die Wiese war groß. Unterlagen hatte alle dabei. Kaiserschmarren auf der Wiese war nicht das Schlechteste. So ließ sich der Sonntag schon verbringen. Sie ließen sich Zeit für den Abstieg. Es eilte nicht. Die Sonne meinte es gut. Fast zu gut. Sie hatten sich gut eingecremt mit Sonnenmilch. Sorgen hatte auf dem Berg keiner. Oder alle hatten sie vergessen. Das war nicht schlimm.
