3. advent #2

winterlicher nebel lag schwer auf dem
gemüt, sonne vergessen, nur die kerzen der
nacht erhellten, ach jauchzet, getröstet das

volk, getröstet er, unter den händen den christstollen
die domsingknaben geben ihr bestes, zarter schnee
liegt wie ein weißer teppich über den auen, eilige

holen ihren schlitten, ochs und esel wärmen sich
im stall, christsterne stehen auf der fensterbank
leere glühweinflaschen auf dem bürgersteig

mit frierenden händen laufen wir durch
die sternennacht, uns leuchet der mond heim
ach jauchzet, frohlocket

lametta #2


großmutter hatte immer reichlich lametta
gehabt, ihr christbaum war ein
nachkriegswunder, kleine bunte
kugeln, umgarnt von einer noch bunteren


elektrolichterkette großzügiges lametta
deckte die kunsttanne liebevoll zu
cy twomblys bewegungen ziehen
kreise, tableau über tableau, maria


längst auf dem weg, krähen stürzen sich
über das feld, jäger kommen ohne
beute aus dem wald, feuchte luft


erzählte nicht vom schnee, durch
die laubberge radelst du schnell
den küssen entgegen

verflogen #2

der körper hatte ein eigenes gedächtnis, erinnerte sich ganz anders als dein gehirn. in der küche fanden oft experimente statt. winterwaldluft lag schwer auf deinem gemüt. nur ein leichter pulverhauch auf fichten und tannen. maronen kamen in das ofenrohr, verflogen das geschrei des tages, das quietschen der räder, das grollen der motoren in der kälte. die küsse wollten geküsst werden. dunkel glänzte der rote wein im licht der kerze.  unheimliche schatten in den flußauen. länger und länger jeder baum. schneller die schritte, verflogen die leichtigkeit der gedanken. verflogen.

Schalmeien #2

Der Morgensturm trieb wässrigen Schnee in dein Gesicht. Nikolaus längst abgereist. Gelbe Radfahrer kämpfen sich mühselig vor, kalte sind deren ihre roten Wangen. Schalmeien willst du spielen, jauchzet, frohlocket auf, preiset die Tage. Die Stimme muss geschont werden, fest gewickelt liegt der Schal um deinen Hals. Gänse geniessen noch die letzte Abendsonne. Hart schlagen die Pauken auf, an dem Stand rückt der Holzschnitzer seine Figuren zurecht, Spielzeugeisenbahnen werden entstaubt. Große Kinderaugen vor dem Schaufenster hoffen, schwer in der Luft liegt der Glühwein. Heiß die Bratwurst in deiner Hand. Der Schnee ist nicht geblieben.

geduld

träume von schnee. laue wolken versprechen nichts gutes. auf dem radweg liegen die scherben der nacht. tausend windsbräute treiben uns voran. weit umkurvt werden die christkindlsmärkte.  noch fest verschlossen grüßt uns die amaryllis von der fensterbank. neben ihr die barbarazweige. noch fern das christfest. geduld muss geübt werden. wunschzettel werden noch schnell geschrieben. die clementinen vom nikolaus rollen sanft über dem esstisch. die kinder von nebenan glauben auch nicht mehr an den weihnachtsmann. tempora labuntur tacitisque senescimus annis. wir, wir haben nicht die wahl. glühwein viel zu süß.