Lisonka wohnte unweit vom Baikalsee. Groß war der Ort nicht. Sie hatte nicht viel gelernt in der Schule, war aber immer gut im Kopfrechnen gewesen. Hatte nach der Schule im kleinen Supermarkt Arbeit gefunden. Es gab alles, was die Leute aus Kitschera brauchten. Schön war der Laden eingerichtet. Die Wage war hellblau. Auch die Theke, auf der die Kasse stand. Nur die Kasse war nicht mehr hellblau wie früher. War durch eine neue ersetzt worden. Warenwirtschaftssystem. Man konnte jetzt sogar mit der Karte zahlen. Zu kaufen gab es Milch und Wodka. Kartoffeln und Kraut. Auch Süßes gab es. Toilettenpapier. Als die Baikal-Amur-Eisenbahn gebaut wurde, entstand der Ort. Vorher hatte Lisonka mit ihrer Familie direkt am See gewohnt. Sie vermisste den See oft. Hatte Sehnsucht nach ihm. Doch auch die Berge liebte sie. Doch die Baikal-Amur-Magistrale wird nur wenig befahren. Kitschera hat an Einwohnern verloren. Lisonkas Laden macht weniger Umsatz. Ohne die Bahn ist im Ort wenig los. Lisonkas Mann geht öfter am Fluss angeln. Wenn der Fang gut war, brät Lisonka am Abend den Fisch. Oder räuchert ihn. Ob der Supermarkt noch lange auf hat, weiß Lisonka nicht. Lisonka kennt das Leben. Das Leben kennt Lisonka. Lisonka liebt ihren Supermarkt. Sie liebt ihre Kunden. Lisonka weiß, was die Menschen brauchen. Sie weiß, wer welche Zigaretten kauft. Weiß, welches Kind welche Süßigkeiten will. Im Kopfrechnen ist sie immer gut gewesen. Wenn die Kasse ausfällt, ist dies kein Problem. Mit Karte zahlt hier fast keiner. Früher hat sie mehr Wodka verkauft. Früher. Ein paar mehr als tausend Einwohner wohnen in Kitschera. Als der Besitzer des Supermarktes gestorben ist, hat Lisonka ihn übernommen. Hier lebt sie. Hier wird sie auch sterben. Ein Junge hilft ihr bei den schweren Kisten. Sonst macht sie alles allein. Manchmal halten hier LKWs auf der Durchfahrt. Die Fahrer kaufen dann etwas Proviant. Brot. Käse. Wurst. Wodka für die Nacht. Kaffee. Manchmal kocht Lisonka auch frischen Kaffee. Dann bleibt ein Fahrer länger. Im Sommer fährt Lisonka mit dem Auto zum See. Schwimmt am Abend eine Runde. Fährt wieder heim. Sitzt dann oft vor ihrem Supermarkt. Wartet. Oft fährt sie nicht bis zum See. Es sind über 40 KM. Der Sprit ist teuer. Aber ohne den See kann sie nicht leben.
Allgemein
Tjumen #2
Tjumen war nicht mehr weit. Schnee lag überall. Überall weiße Wüste. Kälte kroch in seinen LKW. Nicht irgendeine. Bald würde er Hunger haben. Er spürte es schon deutlich. Die Tura hat er schon überquert. Moskau ist hier weit entfernt. Zumindest weit genug.
Juri fuhr gerne LKW. Er liebte das Unterwegssein. Auch im Winter. Auch in der Kälte. In Tjumem lebte sein Bruder. War reich geworden mit Öl. Hier gab es viel Öl. Tjumen war schnell gewachsen, seit das Öl reichlich floss. Früher war hier BP gewesen. Doch die brauchte man nicht mehr. Juri hätte gern einen Sohn. Doch mit den Frauen hatte er kein Glück. Einen Sohn hätte er gerne. Sein Bruder hatte Kinder. Drei Söhne und ein Mädchen. Die Jungs schlugen sich immer. Juri hatte früher mal in Deutschland gelebt. Dort mehr Geld verdient. Schöne Euros. Hatte aber auch viel Stress gehabt. Sein Chef war nervig gewesen. Mit den Deutschen war er nicht warm geworden. Die tranken immer nur Bier. Sein Leben war jetzt entspannt. Er hielt an der Tankstelle vor Tjumen. Immer eigentlich. Manchmal tauschte er irgendetwas. Benzin. Oder was anderes. Dort gab es das beste Schaschlik. Am Feuer gegrillt. Scharf. Heiß. Während er im Schnee steht. Der Himmel weiß in der Nacht. Schneeweiß. Seine Wangen sind rot. Das Holz gibt reichlich Wärme. Er mochte die Frau vom Imbiss. Sie hatte schöne Augen. Manchmal blieb er länger. Das Schaschlik wärmte ihn. Gab neue Kräfte. Moskau mochte er nicht. Putin war ihm egal. Mit Lenin konnte Juri mehr anfangen. Der war auch in Tjumen gewesen. Aber da war der Lenin nicht mehr lebendig. Einbalsamiert hatten sie ihn hergebracht. Sollte den Feinden nicht in die Arme fallen. Tjumen ist groß geworden. Sein Bruder reich. Öl macht glücklich. Sagte sein Bruder. Früher hatte Juri Eishockey gespielt. War nicht schlecht gewesen. Ziemlich schnell auf den Kufen. Irgendwann hatte sein Knie nicht mehr mitgemacht. Im Winter aß er dauernd Schaschlik. Oder er hatte Glück beim Angeln. Er saß gerne an der Tura. Wenn er nicht unterwegs war. Oft hatte er auch die Angel im LKW dabei. Einen Taimen hatte er noch nicht gefangen. Dann würde er heiraten. Das hatte er seiner Mutter versprochen. Die Frau vom Imbiss hatte schöne Augen. Das Schaschlik wärmte ihn.
Das Treppenhaus #2
Täglich ging sie hinunter und wieder hinauf. Manchmal pfiff der Wind. Manchmal sie. Früher hatte sie nicht gezählt, wie oft sie rauf und runter und wieder rauf gelaufen war. Heute teilte sie sich die Wege genau ein. Jede Stufe zählte sie. Das Knarzen der Dielenbretter zählte sie. Sie wohnt im zweiten Stock. Seit Jahrzehnten. Schon als Kind hatte sie hier gelebt. München. Westend. Nichts Besonderes. Kein großes Leben. Wie durch ein Wunder war das Haus im Krieg nicht groß zerstört worden. Fast als einzigstes Haus in der Straße. Nur das Dach hatte nicht gut ausgesehen. Der Dachstuhl war teilweise ausgebrannt. Zum Glück war das Feuer nicht weiter gegangen. Konnte gelöscht werden. Im Hinterhof hatte sie früher mit ihren Geschwistern gespielt. Viele Schuppen. Ein paar Bäume. Die große Welt. Kinderglück. Bis Mutter zum Abendessen rief. Vom Balkon aus sah sie gern den Kindern zu. Als würde sie selber noch rumhüpfen können. Oft waren ihre Füße dick. Wasser. Das Herz war nicht mehr das jüngste. Das Treppenhaus hatte alte Stiegen. Bunte Farbe an den Wänden. Mitunter kam der Putz runter. Das Geländer war geschmiedet. Als Kind war sie runtergerutscht. Nicht immer gut gelandet.
Im Krieg waren sie bei Verwandte untergekommen. Auf dem Land. Allgäu. Da hatte es genug zum Essen gegeben. Heute brauchte sie nicht mehr viel. Einmal am Tag ging sie zum Einkaufen. Die Treppe runter. Vergessen durfte sie nichts. Zwei Mal schaffte sie die Treppe nicht mehr gut. Nur wenn es gar nicht anderes ging. Die Luft wurde knapp beim Raufgehen. Zum Glück gab es in der Nähe einen kleinen Supermarkt. Der hatte alles, was sie brauchte. Manchmal halfen Nachbarn beim Tragen. Dann ging es leichter. Das Holz der Stiegen war ziemlich ausgetreten und knarzte bei jedem Schritt. In letzter Zeit hatte sie jetzt immer Turnschuhe an. Hatte der Enkel ihr geschenkt. Kleid und Turnschuhe. Sprünge machte sie trotzdem keine damit. Der Enkel war jetzt schon groß geworden. Verdiente sein eigenes Geld. Er kam öfters vorbei. Wenn er kam, hatte sie mehr Hunger. Manchmal brachte er seine Freundin mit. Gern würde sie noch Uroma werden. Doch sie sagte nichts. Der Junge war glücklich. Auf dem Balkon zupfte sie gern an den Geranien. Die brachte immer der Enkel mit. Immer im Frühjahr. Immer im Mai. Nicht vor den Eisheiligen. Im ersten Stock wohnten zwei Familien. Sie verstand nicht immer, was sie sprachen. Die Musik kannte sie auch nicht. Doch letzten Sommer hatte es ein Hausfest gegeben. Zum ersten Mal seit ewiger Zeit. Und die Nachbarn hatten sie gebeten zu kommen. Sie ist lang im Hinterhof gesessen. Hat von ihrer Familie erzählt. Ihr Bruder war gefallen. Im Krieg. Mit 23 Jahren. Ihr Mann lang in Gefangenschaft gewesen. Russland. Sibirien. War keine schöne Zeit gewesen. Nicht für ihn. Nicht für sie. Aus Ostanatolien kamen die Nachbarn. Haben auch vom Krieg erzählt. Dann haben sie getrunken und gelacht. Echte Zähne hat sie schon lange keine mehr. Aber auf dem Foto sieht sie sich mit einem wunderbaren Lachen. Bald wird sie 90. Der Enkel will ein großes Fest organisieren. Sie hat ja gesagt, aber nur, wenn die Nachbarn eingeladen werden. Sie wird sich ein neues Kleid kaufen. Eins mit Blumen. Sie liebt Blumen. Vielleicht wird sie tanzen. Mit ihren Nachbarn. Essen. Trinken. Die Nacht durch reden. Die Stufen waren ihr heute schwer gefallen.
novembersee
verzweifelt werfen die angler ihren köder
aus, nebelschwaden bilden ein weiches bett
frierend stehen die pappeln am uferrand, den
garaus gemacht hat der biber die vergessene
ulme, sonnenstrahlen kommen hier nicht
her, abblätternder nagellack, deine lippen kalt
längst vergessen hat der froschkönig seine
kugel, ihre sägen geölt haben die waldarbeiter, längst
liegen die boote der fischer am grauen ufer, unsere
schritte werden schneller, in den gliedern nistet
sich die kälte ein, nachtschwarze schatten liegen
zwischen den baumstämmen
waldohreule
die klauen der nacht, kalte mauern des alten
hofes, backstein auf backstein, weinumrankt
verborgen hinter den festen wänden, odysseus
irrt nicht über den lech, seine gefährten haben
längst das weite gesucht, delphi schon länger
keinen rauch mehr aufsteigen lassen. eulen
fliegen nicht mehr weit, orangegelb leuchten
die augen, der alte walnussbaum schaut den
sternen zu, rauschen die wellen sacht, das
fressen will geholt werden
Kirchweihküchle
Kirchweihküchle gab es später. Erst
war es der Gans an den Kragen. Die
Federn fürs Himmelbett. Rumgespritzt
hatte das Blut ganz schön. Gefeiert
werden musste. Aufgerissener Himmel.
Trompeten verkündeten die Botschaft.
Engel wurden keine gesehen. Mögen die
anderen Kirmess feiern. Der Tanz flog
vorbei. Du konntest nicht genug. Blaukraut
reichlich. Fahnen wehten. Dem Zöllner sei
gedankt. Das Blut war immer noch zu sehen.
Herbstbank

karussell
schnell, schnell, fliegen wir im
karussell, höher, immer höher
dem himmel zu, als wäre salz
in der luft, vom meer erzählt der
rhein, der esel grüßt von der wiese
schneller, schneller dreht sich das
karussell, buttergelb strahlend
die trollblume, ihre wurzeln weit
verzweigt, dem himmel entgegen
als wollten die sterne wir küssen
kugeln die blume über die wiese
tanzend fast der esel dazu, die nacht
längst da, gefüllt das firmament, das
himmelszelt unser zuhause
bologna
der leib entschwindet nicht so leicht
auf erden, sommervögel davongemacht
angepasst an die jahreszeit werden
radfahrer immer bunter, herbergen
gähnen, am abend kochst du kürbissuppe
äußere wärme rar geworden, theater
wesen vor sich hin, zum zopf gebunden
deine haare, chopins nocturnes tanzen
durch die nacht, im regen ist auch bologna
trist. der eintönigkeit schwer zu entkommen
leer der orchestergraben
tiber
dornenkrone auf dem haupt, pasolini
geht nicht mehr zum strand von ostia
wer träumte nicht von arkadien? zu
finden sein müsste doch das paradies
das wegkreuz links liegengelassen, ihr
winterquartier gefunden haben die
äpfel, in der früh ist du gerne ein honigbrot
blutig seine stirn, von rom aus ist das meer
nicht weit, den geschmack auf der zunge
trägst du großmutters apfelkuchen, mit
der hand geschlagen hast du die
sahne, der tiber findet sein meer