
Nelken für das Sommerhaus


Es dauerte und würde dauern. Kurz fühlte sich als Held. Johnson wohl nicht mehr. Trump glaubte immer noch an sich und gab den Leuten seltsame Tipps. In New York wurde derweil gestorben. Fuhr neue Negativrekorde ein. Die Toten kommen in Kühlanhänger. Werden zwischengelagert. Zwischenbestattung der Toten in öffentlichen Parks werden auch angemacht. Für die führende Wirtschaftsmacht kein gutes Zeichen. Das Mitgefühl für die Sterbenden blieb oft aus. Besuche im Krankenhaus nicht möglich für Angehörige. Ein Abschied nehmen oft ausgeschlossen. Für den Sterbenden nicht, für den Lebenden nicht. Corona als schwächere Grippe? Darüber lachte in Italien schon lange keiner mehr. Franz war erstaunt, wie schnell die moderne Gesellschaft an ihre Grenzen kam. Er als Nachgeborner kannte den Krieg nicht. Nur aus dem Fernsehen. War aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland. Im Westen. Alles gab es. Der kalte Krieg war für Franz nie die große Bedrohung gewesen. Kriegsdienst natürlich verweigert. Schweinegrippe? Vogelgrippe? Alles weit weg. In der Zeitung gelesen. Im Fernsehen Bilder gesehen. Natürlich. Angst deswegen? Sorgen? Maria ging immer mit Sorgen durch die Wohnung. Mit oder ohne Telefon. Auch wenn die Statistiken Hoffnung verkündeten. Chiudo gli occhi e penso a lei. Die Liebe blieb.
Der Schreibtisch lockte. Mehr oder weniger. Franz war zuerst noch in den Biosupermarkt gegangen. Mehr los denn je. Franz wollte eigentlich nach Hefe schauen. Die hatten zuletzt nämlich welche. War aber keine da. Ob Biolebensmittel gegen Corona helfen? Wahrscheinlich. Denn hier gab es noch mehr leere Regale und mehr Menschen als anderswo. Franz wollte aber lieber wenig Menschen beim Einkaufen treffen. Schließlich war er dazu ja extra noch vor dem Frühstück losgegangen. Dachten andere wohl auch. Franz ging ohne Hefe weiter, holte Semmeln beim Bäcker und frühstückte mit Maria. Schon bald wurde die Luft wärmer, mit Jacke saß er auf dem Balkon. Er musste einen Text fertig schreiben. Versprochen ist versprochen. Franz mochte keinen Zeitdruck beim Schreiben. Schrieb daher selten für Zeitungen. Doch für ein paar Euro war dies nicht verkehrt jetzt. Wo die Bar zu war und die Band nicht auftreten konnte. Später würde es Pasta geben. Radicchio war noch da. Etwas bitteres für die Zunge. Radicchio mit Pilzen. Ging schnell. Für den Abend war noch Pizza da. Schöne Blasen hatte der Teig gezogen. Maria war zufrieden gewesen. E se il cuore batte forte non si fermerà
Franz und Maria wollten den Sonntag nicht vertrödeln. Frühlingssonnenschein. Schon am Samstag hatte Franz die Räder gut aufgepumpt. Einen kleinen Frühjahrsputz gehalten. Die Bremsen nachgezogen. Hier und dort ein Tropfen Öl. Sie mussten ein wenig raus. Nicht an der Isar entlang. Da wären zu viele Leute gewesen. Sie fuhren lieber über Straßen. Eh wenig Autos. Kein Gedränge. Nach Wolfratshausen. Der Stoiber kam dort her. Ob er dort noch wohnte? Franz wusste es nicht. Wahrscheinlich schon. War ihm aber nicht wichtig. An normalen Tagen wäre Franz mit Maria von dort zum Starnberger See gefahren. Aber die Tage waren nicht normal. Noch nicht. Noch länger nicht. So ließen sie den See aus. Sie wollten kein Gedränge. Lieber wenig Menschen begegnen. Zurück fuhren sie durch den Forstenrieder Park. Keine große Sache. Eine gute Tour. Nicht zu kurz. Proviant hatten sie genug dabei. Später würde es daheim Pizza geben. Den Teig hatten sie schon am Vorabend gemacht. Bestes Mehl aus Italien. Sie mussten nur noch den Belag vorbereiten. Sie konnten variieren. Genug war im Kühlschrank. Nach der Tour erst einmal Siesta halten. Es war ja genug Zeit. Fast sorgenfrei kamen sie daheim an.

Franz hatte nicht widerstehen können, im Supermarkt ein paar Blumen für den Balkon gekauft. Gelbe Stiefmütterchen. Was für ein Name. Die Blumen waren so unschuldig. So leuchtend gelb. Eigentlich ist das ja ein Veilchen. Freude für den Balkon konnte nicht schaden. Die Luft wurde langsam wärmer. Am Nachmittag hatte er auch länger mit Maria draußen verbracht. Geradelt, dann auf dem Balkon gesessen. Alt der Schatten kam, mit Jacke. Blau der Himmel. So wunderbar blau. Auch für die Küche hatte er Blumen mitgebracht. Tulpen. Rot. Nicht aus Amsterdam. Toilettenpapier hatte er links im Supermarkt liegen gelassen. Dafür hatte er seinen Lieblingsreis wieder erstehen können. Basmati. Für wenn Maria nicht hinschaute und er asiatisch kochte. Hefe gab es keine. Deutschland war kein Land der Dichter und Denker. Deutschland war ein Land der Jogger und Bäcker. Es gab schlechteres. Vielleicht würde er morgen Pizza machen, zusammen mit Maria. Oder Lasagne. Je nach Laune. Der Kühlschrank gut gefüllt. Merkel hat ihre Quarantäne beendet. Bis nach Ostern würde Deutschland stillstehen. Noch benahmen sich die meisten Menschen an der Isar vernünftig. Franz ging jetzt abends mit Maria oft noch spazieren. Auch wenn die Abende schnell kalt wurden. Frische Luft tat gut. Machte angenehm müde. Poi d’improvviso venivo dal vento rapito

In der Früh fast ausgestorben, der Marienplatz. Fast alle Geschäfte waren in der Fußgängerzone geschlossen. Lebensmittel verkaufte hier fast niemand. Medizin auch nicht. Schnell konnte man hier weiter kommen. Wenn man weiter kommen wollte. Franz radelte nur dahin. Durch seine Stadt. Kein Halt bei einem Café. Kein Halt bei einem Biergarten. Die Trostlosigkeit geschlossener Biergärten bei schönstem Frühlingssonnenschein hatte etwas gespenstisches. In Englischen Garten konnte man hier und da Hummeln herumfliegen sehen. Auf dem Heimweg würde Franz noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Auch für die schon ältere Nachbarin. Hatte er ihr gesprochen. Sie grüßten sich gern vom Fenster aus im Innenhof. Auch wenn es da noch keine Konzerte gab. Wohl auch nicht geben würde. Allein mit seinem Bass hatte er auch keine Lust. Obst und Gemüse für den Frühling. Und er wollte unbedingt Fisch für Maria einkaufen. Fisch machte sie glücklich. Ihre Stimmung war meist im Keller. So lebensfroh Maria sonst war, so deprimiert war sie jetzt. Cantare d’amore non basta mai.

Die Kälte wich aus der Stadt. Nachtfrost wurde weniger. Klopapier wurde jetzt öfters auf Fahrrädern transportiert. Manchmal hatte Franz das Gefühl, das die mit Klopapier beladenen Menschen fragende Blicke hinterherschauten. Nur selten rief jemand fragend hinter dem Radler her. Nur selten. Doch in den Augen der nichtfragenden Passanten stand die Frage im Gesicht geschrieben: Wo? Franz sah seine Vorräte gelassen weniger werden. Es schien ihm eine Notwendigkeit, das Vorräte schrumpfen um dann bei Zeiten wieder aufgefüllt zu werden. Spannender fand Franz die Frage, ob es in neun Monaten eher mehr oder weniger Kinder geben würde.
Natürlich dachte Franz auch über ernstere Fragen nach. Die Triage war eine. Sie schien im zutiefst unmenschlich. Und unanwendbar. Sie zeigte das Versagen des Staates an. Sie zeigte auch das Versagen der Europäischen Union. Bei einer sinnvollen Verteilung der Erkrankten vermeidbar. Das Zuschauen Zynismus. Das Ende einer gerechten Gesellschaft. Das Scheitern der humanistischen Idee.
Am Nachmittag schwang sich Franz aufs Rad und radelte in den Süden. Schnell hatte er die Stadt hinter sich gelassen. Frühlingsluft. Grün wurden die Bäume. Die kalten Nächte hatte den Blüten zu schaffen gemacht. Doch die Natur würde sich erholen. Ostern würde Franz mit Maria nicht nach Italien fahren können. Ostern waren sie immer in Florenz gewesen, seit Franz Maria kannte. Ostern ohne Marias Familie würde seltsam sein. Doch es würde vorbei gehen. Besser wurden die Zahlen. Besser.