verflogen #2

der körper hatte ein eigenes gedächtnis, erinnerte sich ganz anders als dein gehirn. in der küche fanden oft experimente statt. winterwaldluft lag schwer auf deinem gemüt. nur ein leichter pulverhauch auf fichten und tannen. maronen kamen in das ofenrohr, verflogen das geschrei des tages, das quietschen der räder, das grollen der motoren in der kälte. die küsse wollten geküsst werden. dunkel glänzte der rote wein im licht der kerze.  unheimliche schatten in den flußauen. länger und länger jeder baum. schneller die schritte, verflogen die leichtigkeit der gedanken. verflogen.

Schalmeien #2

Der Morgensturm trieb wässrigen Schnee in dein Gesicht. Nikolaus längst abgereist. Gelbe Radfahrer kämpfen sich mühselig vor, kalte sind deren ihre roten Wangen. Schalmeien willst du spielen, jauchzet, frohlocket auf, preiset die Tage. Die Stimme muss geschont werden, fest gewickelt liegt der Schal um deinen Hals. Gänse geniessen noch die letzte Abendsonne. Hart schlagen die Pauken auf, an dem Stand rückt der Holzschnitzer seine Figuren zurecht, Spielzeugeisenbahnen werden entstaubt. Große Kinderaugen vor dem Schaufenster hoffen, schwer in der Luft liegt der Glühwein. Heiß die Bratwurst in deiner Hand. Der Schnee ist nicht geblieben.

geduld

träume von schnee. laue wolken versprechen nichts gutes. auf dem radweg liegen die scherben der nacht. tausend windsbräute treiben uns voran. weit umkurvt werden die christkindlsmärkte.  noch fest verschlossen grüßt uns die amaryllis von der fensterbank. neben ihr die barbarazweige. noch fern das christfest. geduld muss geübt werden. wunschzettel werden noch schnell geschrieben. die clementinen vom nikolaus rollen sanft über dem esstisch. die kinder von nebenan glauben auch nicht mehr an den weihnachtsmann. tempora labuntur tacitisque senescimus annis. wir, wir haben nicht die wahl. glühwein viel zu süß. 

bachkantaten ohne kaffee #2

pfefferminztee am nachmittag, nasser dezembertag mit aufgerissenem himmel. am abend roter schein hinter schwarzen wolken. schneeferne wärme, der backofen wartet auf füllung, deine hände spielen auf dem klavier, vorbeifliegende küsse erheitern die luft, später risotto mit pilzen, tolstoi für den schnee. im keller liegt kein barolo, eine nasse brise fliegt um das haus, nackte bäume wiegen sich dahin. bachkantaten ohne kaffee. dein nacken färbt sich von den küssen.

adventskränze #2

des rheines lorelei die locken nicht geküsst, vorbei 

rauscht der zug im fluge, matrazengruft unmodern

adventskränze in bunten farben liegen in der auslage

schneelandschaften begegnen uns nur im traume, uns 

treibt die sehnsucht nach den bergen in den zug, einen 

walzer wollen wir dort tanzen, später essen wir

käsefondue, das feuer im ofen wärmt unseren rücken

das himmelszelt strahlt bis in die küche