Tiksi: Michail

Wer hier lebt, erwartet keinen Sommer. Wer hier lebt, liebt keinen Sommer. Wer hier lebt, der liebt den Winter, der liebt das Eis und den Schnee. Im Sommer fuhr Michail mit seinem Kutter auf das Meer. Schon in der Früh. Oft, bevor die Sonne aufging. Da gingen die Fische besser ins Netz. Im Winter konnte er nicht rausfahren. Im Winter fing er keine Fische. 

Tiksi ist im Norden. Hoch im Norden. Im Sommer bringt die Lena die Menschen her. Und die Waren. Hier wächst nichts, was man essen könnte. Fast nichts. Die Tiere finden schon was in der Tundra. Die Fische im Fluss und im Meer auch. Aber Ackerbau zu betreiben ist komplett sinnlos. Hierher sind die Menschen nicht wegen Ackerbau gezogen. Obwohl es soviel Land gibt. Doch der Boden ist hier immer gefroren. Hunderte Meter tief gefroren. Das Nordpolarmeer lässt nicht viel Leben zu. Bäume gibt es hier keine. Nicht mal Sträucher. So karg ist die Landschaft. Rentiere und Eisbären können einem hier über den Weg laufen. Hin und wieder hatte Michail einen Eisbären gesehen. Sie waren weniger geworden. Im Winter ist die Lena zugefroren. Da fährt Michail mit seinem Lkw über den Fluss. Er und andere.

In Tiksi findet das Leben am Hafen statt. Hier ist im Sommer was los. Hier kommen die Schiffe an. Hier sind die Menschen. Hier war Michail zu Hause. Im Winter fuhr Michail LKW. Einen alten Ural. Allrad. Sechs Räder. Fuhr die Lena entlang, wenn sie zugefroren war. Lieferte Ware aus. Brachte aus der großen Stadt Essen her. Nudel. Kaffee. Cola. Jakutsk hatte alles an Ware, was die Leute in Tiksi brauchten. Die Leute tranken in Tiksi auch im Winter gerne Cola. Waren eben neue Zeiten. In Tiksi gab es nur das zu kaufen, was Michail aus Jarkutsk mitbrachte. Fisch und Fleisch besorten sich die Leute in Tiksi selber.

Manche Plattenbauten waren hier farbenfroh angemalt. Auch Michail wohnte in so einem Haus. Michail mochte Farben. Er mochte auch das Weiß. Doch im Winter war ihm dies manchmal zu viel. Dann lieber bunte Farben. In einem weißen Haus wollte er nicht wohnen. Im Sommer belieferte er mit seinem Schiff auch immer wieder die Forschungsstation Samoilow.  Dies schaffte er an einem Tag. Fuhr rund vier Stunden hin. 

Die Forscher wurden oft mit dem Flugzeug eingeflogen. Kamen von Moskau oder weiter her. Von Tiksi dann mit dem Hubschrauber weiter. Waren harte Kerle. Michail mochte sie. Waren gute Jungs. Belieferte sie gerne. Hatten oft viel Gepäck dabei, welches er ihnen brachte. Michail musst je nicht jeden Tag zum Fischen fahren. 

Früher war die Forschungsstation nur im Sommer benutzbar. Nach dem Neubau vor einigen Jahren war sie auch winterfest und die Forscher blieben auch im Winter. So konnte Michail sie auch im Winter beliefern. Bis zu 30 Leute konnten nun auf der Station übernachten.

Die Station hatte auch eigene Fahrzeuge. Wenn der Schnee zu viel war, mussten die Forscher mit ihrem Raupenfahrzeug nach Tiksi kommen. Dann schaffte es Michail nicht mehr mit seinem Ural.

Im Winter war eh alles anders. Michails Kinder gingen auf das Gymnasium. Vielleicht würden sie irgendwann auch einmal Forscher werden. Michail war Fischer. Fuhr im Sommer mit seinem Kutter auf das Meer. Fuhr im Winter mit seinem LKW über das Eis. Im Winter aß Michail gerne Suppe. Suppe aus Rentierfleisch. Seine Frau machte die beste der Stadt. Sagte Michail immer. 

Früher war mehr los gewesen am Hafen. Früher war mehr los gewesen in Tiksi. Seit dem Ende der Sowjetunion lebten nur noch halb so viel Menschen in Tiksi. Die Nordostpassage war nicht mehr so rentabel. Doch die Klimaerwärmung hatte für Tiksi vielleicht auch Gutes. In Tiksi hofften sie auf weniger Eis. Auf eine bessere Durchfahrt der Nordostpassage. Sie hofften auf mehr Schiffe. Seit ein paar Jahren war im Sommer die Passage passierbar ohne Eisbrecher. Auch Touristen kamen mittlerweile mehr nach Tiksi. Michail war Optimist. Er würde nicht weggehen. Seine Kinder bekamen eine gute Schulbildung. Sie hatten gute Lehrer in Tiksi. Und wenig Schüler. Der Sommer war kurz in Tiksi. Das Meer hatte viele Fische hergegeben. Michail würde gut über die Runden kommen. 

Birobidschan: Boruch

Nächstes Jahr in Jerusalem. Oder nächstes Jahr in Birobidschan. Boruch war Lehrer in Birobidschan. Birobidschan ist die Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Oblast. Der Amur bildet die Grenze. Und China. Viele Juden lebten nicht mehr in Birobidschan. Viele waren weggezogen. Nach Europa. Nach Jerusalem. Aber sie hatten ihre Synagoge in der Stadt. Und sie hatten ihre Zeitung. Boruch hatte immer für die Zeitung geschrieben. Birobidschaner Schtern, Keine große Zeitung. Nur ein Nebenjob. Arbeitete sonst als Lehrer. Boruch war Jude. Seine Familie waren Juden. Sie waren geblieben. Sie kamen mit Putin gut zurecht. Andere waren gegangen. Nach Deutschland. Nach Israel. Boruch ging es gut in Birobidschan. Er hatte hier keine Angst. Er hatte hier sein Auskommen. Seine Kinder wuchsen hier friedlich auf. Seit der Perestroika war es besser geworden. Sie konnten ihre Religion freier ausüben. 

Boruch liebte die Sommer. Sie waren wunderbar warm. Gerne ging er an der Bira baden. Stalin hatte damals die Juden nach Birobidschan gerufen. Zahlreiche waren gekommen, um ein sozialistisches Jerusalem zu bauen. Stalin. Der unsägliche Diktator. Boruch hatte es hier gut getroffen. Er konnte hier ungestört leben. War nie Sozialist. Hatte sich immer arrangiert. 

Nur die Tauben störten ihn in Birobidschan. Sie hatten jetzt einen neuen Rabbiner in der Stadt. Ganz jung. Voller Elan. Viele Juden waren in der Sowjetunion nicht religiös gewesen oder haben es nicht gezeigt. Sozialismus und Glauben vertrug sich nicht. Erst nach den Umwälzungen hatte der Glaube wieder aufgelebt. Die Christen, die Buddhisten, die Juden lebten ihren Glauben jetzt wieder offen. Boruch fühlte sich als Jude, doch nicht als strenggläubiger. Sie kochten daheim nicht immer koscher. Aber Schweinefleisch gab es bei ihnen nicht. Dann fing er lieber einen Fisch. Gern ging er mit seinem ältesten Sohn zum Angeln. Wenn beide Zeit hatten. Das Angeln war für Boruch Meditation. Vergaß den Lärm der Schule. Vergaß den Lärm der Welt. Musste nicht viel reden. Auch mit seinem Sohn nicht. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Wenn sie einen großen Fisch an der Angel hatte, machte der Sohn gerne ein Foto. Siegerfoto. 

Viele Juden haben nie in Birobidschan gelebt. Ein russisches Jerusalem ist es nie geworden. Heute lebten wohl über 1000 Juden in der Stadt. Wie viele es waren, war für Boruch nicht wichtig. Er fühlte sich wohl. Seine Familie fühlte sich wohl. Nach Jerusalem würde er nicht ziehen. Wenn es ihm im Sommer zu heiß in der Stadt wurde, fuhren sie zum Meer. Mit dem Zug. Für ein paar Wochen. Der Pazifik war ihnen lieber als Jerusalem. Seine Kinder surften im Ozean, er warf lieber die Angel aus. 

Petropawlowsk-Kamtschatski: Nastja

Sein schneebedecktes Haupt ist gut zu sehen. Erinnerte sie fast an den heiligen Berg. Das Meer und der Berg. Das war ihre Heimat. Manchmal grollte der Berg. Korjakskaja Sopka war kein toter Berg. Er lebte noch. Spuckte gerne mal Rauch aus. Stolz grüßte er. Herrschte über seine Halbinsel. 

Sie war Meeresbiologin geworden. Liebte das Meer. Das Rauschen der Wellen. Die Fische. Vor allem die Ökologie des Meeres war ihr Forschungsthema. Es gab immer mehr Veränderungen. Sie dokumentierte die Meeresbewohner. Arbeitete an einer riesigen Datenbank zur Erfassung der Meereslebewesen mit. Nastja hatte in St. Petersburg studiert und promoviert. Gerne hatte sie dort gelebt. Doch ihre Heimat ist St. Petersburg nicht gewesen. Für sie war immer klar, dass sie zu ihrem Meer zurückwollte. Ihr Meer war der Pazifik.  Nicht die Ostsee. Nastja hatte schon die Größe vom St. Petersburg gefallen, ihr hatte Europa gefallen. Sie war gerne ins Theater gegangen. Hatte sich die Schlösser angeschaut. Die Museen. Oft war sie in der Eremitage gewesen. Hatte sich dort da Vinci angeschaut. Matisse und Gauguin. Im Mariinski-Theater ist sie gerne gewesen, hatte sich Opern angehört. 

Doch Nastja gehörte nicht nach St. Petersburg, sie musste zu ihrem Berg, zu ihrem Meer. Dort war sie zuhause. Dort musste sie leben. In Petropawlowsk-Kamtschatski hatte sie ihre Familie. Ihre Eltern. Ihre Großeltern. Ihre Geschwister. Zwei Brüder hatte sie, die beide in Moskau studiert hatten. Sie dachte gerne an die Zeit in St. Petersburg zurück. Doch hatte sie immer auch ihre Familie vermisst. Als Studentin war sie im Sommer mit dem Zug nach Hause gefahren. Zumindest zwei, drei Mal. Zu Weihnachten immer geflogen. Seegurken und Igelwürmer waren Nastja Spezialgebiet. Sie arbeitete mit der Akademie in Wladiwostok zusammen.  

Kamtschatka ist nicht klein für eine Halbinsel. Viele Vulkane sind dort. Nastja mochte diese Vulkane, doch das Meer mochte sie noch mehr. Über hundert Vulkane gab es, doch zum Glück waren nicht mehr alle aktiv. Wenig Menschen trifft man auf der Halbinsel. Doch in trifft man viele. Nastja lebte in der Stadt, brauchte die Menschen. Doch Nastaj brauchte auch die Stille. Die Natur. 

Früher durften auf Kamtschatka keine Touristen kommen, früher, als der Kalte Krieg war. Kamtschatka war Militärisches Sperrgebiet. Hier konnte man nicht einfach kommen und gehen. Nastjas Familie hatte hier immer schon gelebt. Ihr Vater hatte für das Militär gearbeitet. Kriegsschiffe gewartet. Viele Schiffe waren immer im Hafen gewesen. Nastjas Brüder forschten über Geothemie. Da gab es hier viel zu sehen. Neben den Vulkanen auch die Geysire. Im Sommer ging Nastja gerne surfen. Mit ihren Brüdern. Oder Schnorcheln. Tintenfisch jagen. Die aßen sie dann, nachdem sie die über dem Feuer gegrillt hatten. Die Wellen rauschten immer in Nastjas Ohren. Im Sommer. Im Winter. Manchmal ging Nastja zum Beten in die Dreifaltigkeitskathedrale. Doch am liebsten betete sie draußen. Wenn man dies beten nennen kann. Jeden morgen grüßte sie ihren Berg. Ihr Berg war heilig. Sie liebte sein schneebedecktes Haupt. Als wäre es der Fuji. Nastja war gerne in Japan. Japan war um die Ecke. Sie liebte Sushi. Im Sommer würde sie dort Urlaub machen. Den Fuji hatte sie auch schon bestiegen. Auch sein schneeweißes Haupt hatte sie gegrüßt. 

Ulan-Ude: Sascha

Der Baikalsee ist in der Nähe und doch ein Stück weit weg. Sascha wollte ins Kloster. Er hatte sich immer schon für den Buddhismus interessiert. Nicht, dass er an irgendwas glauben würde. Er glaubte an nichts. Sascha war ein Kind des Sozialismus. Er hatte früher an Lenin geglaubt. An Lenin und Marx. Wäre er älter, hätte er sicher auch an Stalin geglaubt. So ist der ihm erspart gewesen.

Farbenfroh das Kloster. Rot tragen die Mönche. Rot die Wände. Die Tiger halten Wache. Niederschlag gibt es hier selten. Trocken sind die Winter, trocken und eiskalt. In die Mongolei ist es nur noch ein Katzensprung. Sascha war mit dem Zug angereist. In Moskau hatte er einen Mönch kennengelernt, den er nun im Kloster besuchen wollte. Sascha wollte nicht Mönch werden. Sascha glaubte an nichts. Die Landschaft war kahl. Die Berge waren kahl. Sie erzählten keine Dramen, die Berge. Was Sascha im Kloster wollte, war ihm nicht klar. Er mochte den Mönch. Konnte Ruhe gebrauchen. Das Kloster war auch eine Universität. 

Von Ulan-Ude musste er noch mit dem Taxi weiterfahren. Das Kloster lag außerhalb. Rund 30 Kilometer. Alt ist das Kloster nicht. Fast erstaunlich. Wurde erst nach dem Krieg gebaut. 

Stalin hatte das alte Kloster zerstören lassen. 

Im Kloster gibt es einen ganzen Haufen an Tempel. Farbenfroh, bunt, bunter. Sascha wollte an der Universität ein wenig Philosophie studieren. Ein Semester. Oder zwei. Für eine Zeit raus aus Moskau. Die Gebetsmühlen knallen in sein Gehirn. Knallig orange und blau. Der Weg ins Nirvana würde über diese Gebetsmühlen gehen. Da war sich Sascha sicher. Die Drachen spuckten ihm ins Gehirn. Jeder Mönch ist von weitem zu erkennen. Die Burjaten sind alles Buddhisten. Sascha nicht. Sascha wollte nicht Mönch werden. Auch das Nirvana konnte noch warten. Sascha hatte in Moskau Philosophie studiert. Früher. Schon länger her. Sascha wollte in Iwolginski Dazan Philosophie studieren. Vielleicht würde er auch Medizin hören. Tibetische Medizin. Hatte einen Reiz für Sascha. Sascha suchte noch. Ganschur hatte ihn unter seine Fittische genommen. Putin war auch schon dagewesen. Mit Putin hatte Sascha nichts am Hut. Früher war Sascha schon einmal in der Gegend gewesen. Am Baikalsee. Vielleicht würde er auch einmal in die Mongolei fahren. Putin hatte den lebenden Toten im Kloster besucht. Für Sascha war das Irrsinn. Sascha glaubte an nichts. Leer war das Kloster nicht. Sascha kam mit dem Zählen kaum nach. Es waren viele Mönche. Frauen gab es auch. Sascha wollte nicht ins Nirvana. Zumindest nicht sofort. Vielleicht würde er in die Mongolei fahren. Die Züge fuhren ja ab Ulan-Ude. Transmongolische Eisenbahn. Bis zur Hauptstadt der Mongolei wäre es kein Problem. Näher als das Nirvana.

Jakutsk: Jelena

Jakutsk ist nichts für Verfrorene. Nicht einmal der Zug fährt bis zur Stadt. Schon vorher Endstation. Jelena war nicht verfroren. Der Zug fährt nur bis Nischni Bestjach. Nur ein kleines Dorf. Aber die Endstation. Die Lena ist auch hier groß und schön. Und eisig. Die Karpfen fühlen sich wohl. In Nischni Bestjach ist der Hund begraben. Niemand will dort hin. Wenn schon jemand mit dem Zug anreist in den hohen Norden, dann will er nach Jakutsk. Doch die Lena trennt Jakutsk vom Bahnhof, von Nischni Bestjach. Und die Lena ist breit. Über zwei Kilometer. Viel Wasser. Jelena hatte es vor ein paar Jahre hierher verschlagen. Sie hatte eine Stelle als Lehrerin angenommen. Sie wollte raus aus St. Petersburg. Weg von ihrer Familie. Weit weg. Weit weg war sie gekommen. Moskau ist von rund 5000 Kilometer entfernt. Luftlinie. 

So schnell bekam sie keinen Besuch ihrer Eltern. Sie reiste auch nur einmal im Jahr zu ihren Eltern. Die Zugfahrt dauerte eine Ewigkeit. Wenn, dann fliegt sie heim. Der Flughafen lag im Norden der Stadt. Schon älter. Ein sehr einfacher. Eine Landebahn ist meist geöffnet. Die zweite arg kurz und geschlossen. War schon im Krieg benutzt worden. Die Amerikaner hatten hier die Russen unterstützt. Mit dem Taxi war Jelena schnell am Terminal. Schneller als am Bahnhof. Sie flog immer mit der Yakutia Airlines. Der Flug ging auch nicht schnell. Und je nach Aufenthalt in Moskau dauerte er elf bis zwölf Stunden. Doch besser als eine Woche mit dem Zug fahren. Jelena hatte es so gewollt. Zu Weihnachten flog sie immer heim. Weihnachten ohne ihre Eltern, das ging nicht. Sie hatte jetzt einen Freund. Sie würden im Sommer heiraten wollen. Ihr Freund war Jakute. Schamane. Im Osten gab es viele Schamanen. Er hatte wunderbare Hände. Jelena unterrichtete Musik und Literatur in Jakutsk. Ihr Freund hatte eine schöne Stimme. Eine tiefe Stimme. Ein richtiger Bass. Jakutsk war ihr Schicksal. Ihr Glück. Im Winter trug sie Pelz. Fast alle trugen im Winter Pelz. Anders war die Kälte nicht auszuhalten. Die Kosaken hatten den christlichen Glauben zwar in den Osten gebracht, doch die Jakuten hatten ihre Bräuche behalten. Schamanen waren geblieben. Ajars Vater war Schamane und sein Vater war auch Schamane gewesen. Auch sein Sohn würde Schamane werden. Da war sich Ajar sicher. Jelena war das recht. Sie war geflohen aus dem Westen und hatte im Osten ihr Glück gefunden. Jelena hört Ajar gerne auf der Maultrommel spielen. Auch wenn dies kein richtiges Musikinstrument für sie war. Vielleicht würde die Bahnstrecke weitergebaut werden, Jakutsk erreichen, weiter in den Norden gehen. Vielleicht würde sie auch nie gebaut werden. Das Geld fehlte. Keiner wollte es geben. Jakutsk ist kalt. Der Boden ist kalt. Aber nicht die Menschen. Eisfischen ist hier nichts besonders. Eisfischen ist hier das halbe Jahr. Doch im Sommer wird es hier heiß. Richtig heiß. 

Jakutsk ist die kälteste Großstadt. Weiß im Winter. Weiß die Dächer der Häuser. Weiß die Straßen. Ab Oktober geht es zum Eisfischen. Fremde halten dies nicht aus. Die Menschen haben hier ein großes Herz. Jelena hat hier ihr Herz verloren. An der Uni hatte Jelena einen kleinen Lehrauftrag. Ajar störte dies nicht. Warum auch. Aber es war nicht seine Welt. Ajar wohnte nicht in der Stadt. Ajar hatte ein Pferd. Die Menschen kamen zu ihm, wenn sie was von ihm wollten. Auch Jelena fuhr zu ihn raus. Ajars Bruder fing Rentiere. Oder Karpfen. Doch er brauchte auch nicht viel. Hatte Hunde, Laikas, mit denen er zum Jagen und Fischen ging. Ajar und sein Bruder wohnten zusammen. 

In St. Petersburg war es nicht ganz so kalt gewesen. Doch Jelena hatte sich an das Wetter in Jakutsk gewöhnt. Fand die Sommer wunderbar mit der Hitze. Speicherte dann die Sonne für den Winter. Nur die Mücken im Sommer mochte sie nicht. Sie liebte ihren Schamanen. Er hatte so wunderbar Hände. Jakutsk ist nichts für Verfrorene.

Chabarowsk: Sofia

Früher hatten in Chabarowsk die Kosaken das Sagen gehabt. Früher. China war nicht weit. Mit China hatte es oft Streitigkeiten gegeben. Groß war Chabarowsk geworden. Viele Menschen lebten in der Stadt. Nicht nur Russen. Immer schon auch Deutsche. Wenige. Sofia war mit dem Zug angereist für das Festival. Deutsch-Russische Kulturtage. Vier Tage war sie mit dem Zug angereist. Sie lebte nicht mehr in Chabarowsk. Studierte weiter weg. Sofia spielte im Orchester und wollte immer dabei sein. Jedes Jahr im Oktober reiste sie an. Sie liebte dieses Festival. Sie liebte ihre Heimatstadt. Und war doch weggegangen. Sie liebte den Amur. Der große Amur. Der kalte Amur, der, der sich so breit machte in der Stadt. Sie liebte den Amur im Winter, wenn er zugefroren war. Doch sie blieb nur einigeTage in der Stadt. Proben. Auftritt. Das Festival war groß. Es gab nicht nur Musik. Es gab auch Filme. Kunst. Die Menschen trafen sich. Am Rand der Welt. Am Pazifik. Im Osten von Russland. Sie spielte immer im Orchester mit. Ihre Eltern freuten sich, wenn sie kam. Ihre Großeltern auch. Ihre Mutter half immer beim Organisieren des Festivals mit. Es war ein Haufen abzusprechen. Ihre Mutter spielte auch Geige, doch sie trat nicht mehr auf. Sofia studierte Musik. Am Konservatorium in Nowosibirsk. Lange brauchte sie nicht mehr. Gerne würde sie eine feste Stelle im Orchester bekommen. Musik war ihr Leben. Sofia war mit einer Freundin angereist, die auch im Orchester spielt. Im Zug hatten sie ihr eigenes Essen dabeigehabt. Wie jeder. Obst. Gemüse. Geräucherten Fisch. Brot. Sofia aß gerne Fisch. Sie kam ja vom Amur. Zum Baden war ihr der Amur oft zu kalt gewesen. War lieber ins Hallenbad gegangen. Dann lieber im Winter Schlittschuh laufen. Chabarowsk hatte zwar einen Flughafen, doch das Fliegen war Sofia zu teuer gewesen. Dann lieber mit dem Zug. Es war immer was los bei der Zugfahrt. Man lernte sich kennen. Ob man wollte oder nicht. Sofia konnte gut im Zug schlafen. Diese gleichmäßigen Geräusche der Schwellen. Besser als Schafe zählen. Sie hatte immer ihren Schlafsack dabei. Sofia mochte Japan. Die japanische Kultur. Das japanische Essen. Ein paar Mal war sie dort im Urlaub gewesen. Mit dem Schiff. War ja nicht weit. Eine andere Welt. Eine schöne Welt. Hatte dort auch einmal ein Konzert gespielt. Vielleicht würde sie für ein Jahr nach Japan gehen. Hatte sich für eine Stipendium beworben. Tokio. Ein Jahr. Das wäre geil. Beethoven würden sie spielen in Chabarowsk. Beethoven. Und natürlich auch Tschaikowski. Der durfte nicht fehlen. Die 5. Sinfonie von Beethoven und Tschaikowski, ein paar Suiten. Das Publikum würde nicht meckern können. Zugaben standen noch nicht fest. Drei Proben würde es geben. Kein Problem. Und dann Tokio. So oder so. 

Sewerobaikalsk: Pjotr

Groß war die Stadt nicht, in der er lebte, groß war sie nicht. Und eine lange Geschichte hatte sie auch nicht. Sie liegt am nordwestlichen Ufer des Baikalsees. Erst in den 70zigern gebaut, wegen der Eisenbahn. Wegen der Eisenbahn wurde viel gebaut. Die Eisenbahn war den Russen wichtig. Sie war ihnen früher wichtig, sie war ihnen heute wichtig. Die Eisenbahn sollte sie alle verbinden. Ihnen alle das Glück bringen. Auch ihnen in Sibirien. Die Erde war hier reich. Sie war voller Schätze. Kohle, Eisen, Kupfer. Lag genug herum. Überall. Unter der Erde. Hinter Sewerobaikalsk kommen die Berge. Keine leichte Strecke für die Eisenbahn. Pjotr war für die Oberleitungen der Bahn zuständig. Musste sie ständig kontrollieren. Hatte immer eine orangene Weste an und einen orangenen Helm. Sicherheit musst sein. Sein Job war nicht ungefährlich. Ständig Starkstrom. 27.000 Volt. Da war schon mancher gestorben. Ein falscher Handgriff und der Tod durchfuhr den Körper.  Die Stromleitungen hatten es aber auch nicht leicht. Im Winter bitterkalt. Im Sommer große Hitze. 

Von Sewerobaikalsk führten die Gleise ein Stück am Baikalsee entlang. Pjotr war wegen der Arbeit hergekommen. Aus Weißrussland. Sie wurde gut bezahlt. War Elektriker. Hatte seine Frau bei der Eisenbahn kennengelernt. Hier waren fast alle bei der Eisenbahn. Die Eisenbahn war ihr Leben. Die Stadt war jung. Die Leute waren jung. Zumindest gewesen. Mit der Stadt wurden sie älter. Pjotr hatte drei Kinder. Alles Jungs. Gingen in die Schule. Er spielte gerne mit ihnen Fußball. Im Sommer. Wenn der Schnee weg war. Die Sommer waren sehr kurz. Im Winter spielte er mit ihnen Eishockey. Im Winter war der See lange zugefroren. Da konnten sie am Wochenende endlos spielen. Sie fuhren mit dem Auto einfach auf den See und luden ihre Sachen aus. Alle fuhren mit dem Auto auf den See. Pjotr wäre gerne Eishockeyprofi geworden. In Kanada. Kanada war sein Traum gewesen.  Daraus war nichts geworden. Vielleicht würden es seine Jungs schaffen. Er trainierte viel mit ihnen. Aber er trainierte auch für sich. Er wollte am Marathon teilnehmen. Über den See. Im März. Er hatte noch Zeit. Und er war gut in Form. Seiner Frau gefiel sein Körper. Bei den Oberleitungen musste er immer höllisch aufpassen. Pjotr hatte gute Nerven. Die konnte er brauchen. Über den See laufen. Das wollte er einmal schaffen. Im März würde er es probieren. Von Tanchoi nach Listwjanka. Über das gefrorene Wasser. Seine Lungen waren die kalte Luft gewöhnt. Arbeitete jeden Tag an der frischen Luft. Seine Lungen würden das schaffen. Seine Frau und seine Jungs würden ihm die Daumen drücken. Pjotr lebte gern in Sewerobaikalsk. Er verdiente hier gutes Geld. Er konnte seiner Familie was bieten. Sie hatten ein Haus, sie hatten ein Auto. Was konnte man sonst erwarten? Kanada war sein Traum gewesen.

Opole: Urszula #3

Fast ihr ganzes Leben hatte Urszula in Opole verbracht. Die Oder hatte sie immer begleitet. Sie liebte den Fluss. Sein Wasser. Seine Ruhe. Saß oft stundenlang am Ufer. Hörte den Wellen zu. Sah den Fluss beim Träumen zu. Nach dem Krieg war die Stadt menschenleer gewesen. Doch schnell hatte sich die Stadt wieder gefüllt. Früher lebten viele Deutsche hier. Nun sind es fast nur Polen. Urszulas Familie war nach dem Krieg gekommen. Sie hatte mit den Deutschen nichts zu tun gehabt. Sie war da ein kleines Kind gewesen. Heute wohnt sie direkt an einem Nebenarm der Oder. Boote fahren vor ihrem Wohnzimmer entlang. Im Sommer fängt sie die Mücken. Sie mag das Summen nicht. Sie mag den Stich nicht. Früher hatte es hier Wassermühlen gegeben. Der Müller das Korn gemahlen. Gerne geht sie am Wasser ein paar Schritte. Setzt sich auf eine Bank, liest. Urszula liest jeden Tag Zeitung. Sie will wissen, was in der Welt passiert. Noch lieber liest sie Bücher. Wenn sie liest, ist sie in der anderen Welt. Jeden Tag fährt sie in die Zementfabrik. Arbeitet dort im Büro. Am Ende des Tages spuckt die Fabrik graue Arbeiter aus. Müde Gesicher gehen nach Hause. Auch Urszulas Gesicht ist dann müde. Wenn sie am Wochenende Zeit hat, fährt sie nach Annaberg. Dort gibt es ein Kloster. Ihre Kinder sind in die Hauptstadt gezogen. Bessere Arbeit. Besser bezahlt. Urszula würde nicht weggehen wollen. Sie hatte hier ihre Heimat. Nur als die Oder Hochwasser hatte, hatte sie kurz überlegt. Das ganze Haus war voll Wasser gewesen. Manchmal besucht sie ihre Kinder. Noch ist sie ja jung. Dann fährt sie mit dem Zug nach Warschau. Bleibt für ein paar Tage dort. Sie mag Warschau nicht. Es ist ihr zu laut. Zu groß. Mit dem Auto würde sie dort nicht hinfahren wollen. Urszula fährt gerne Auto. Sie liebt ihren kleinen Fiat. Damit kommt sie überall hin. Schnell fährt Urszula nicht. Schnell ist sie nie gefahren. Der Vater der Kinder ist irgendwo anders. Hat Karriere gemacht. Bei der Partei. Als es die Partei nicht mehr gab, hat er weiter Karriere gemacht. Warum auch nicht. Er wusste, wie Karriere ging. Urszula hatte die Kinder allein großgezogen. Immer hatte sie im grauen Büro der Zementfabrik gearbeitet. Am Montag würde sie wieder hingehen. Nach dem Wochenende ging sie immer hin. Warschau mochte sie nicht.

Kitschera: Lisonka #3

Lisonka wohnte unweit vom Baikalsee. Groß war der Ort nicht.  Sie hatte nicht viel gelernt in der Schule, war aber immer gut im Kopfrechnen gewesen. Hatte nach der Schule im kleinen Supermarkt Arbeit gefunden. Es gab alles, was die Leute aus Kitschera brauchten. Schön war der Laden eingerichtet. Die Wage war hellblau. Auch die Theke, auf der die Kasse stand. Nur die Kasse war nicht mehr hellblau wie früher. War durch eine neue ersetzt worden.  Warenwirtschaftssystem. Man konnte jetzt sogar mit der Karte zahlen. Zu kaufen gab es Milch und Wodka. Kartoffeln und Kraut. Auch Süßes gab es. Toilettenpapier. Als die Baikal-Amur-Eisenbahn gebaut wurde, entstand der Ort. Vorher hatte Lisonka mit ihrer Familie direkt am See gewohnt. Sie vermisste den See oft. Hatte Sehnsucht nach ihm. Doch auch die Berge liebte sie. Doch die Baikal-Amur-Magistrale wird nur wenig befahren. Kitschera hat an Einwohnern verloren. Lisonkas Laden macht weniger Umsatz. Ohne die Bahn ist im Ort wenig los. Lisonkas Mann geht öfter am Fluss angeln. Wenn der Fang gut war, brät Lisonka am Abend den Fisch. Oder räuchert ihn. Ob der Supermarkt noch lange auf hat, weiß Lisonka nicht. Lisonka kennt das Leben. Das Leben kennt Lisonka. Lisonka liebt ihren Supermarkt. Sie liebt ihre Kunden. Lisonka weiß, was die Menschen brauchen. Sie weiß, wer welche Zigaretten kauft. Weiß, welches Kind welche Süßigkeiten will. Im Kopfrechnen ist sie immer gut gewesen. Wenn die Kasse ausfällt, ist dies kein Problem. Mit Karte zahlt hier fast keiner. Früher hat sie mehr Wodka verkauft. Früher. Ein paar mehr als tausend Einwohner wohnen in Kitschera. Als der Besitzer des Supermarktes gestorben ist, hat Lisonka ihn übernommen. Hier lebt sie. Hier wird sie auch sterben. Ein Junge hilft ihr bei den schweren Kisten. Sonst macht sie alles allein. Manchmal halten hier LKWs auf der Durchfahrt. Die Fahrer kaufen dann etwas Proviant. Brot. Käse. Wurst. Wodka für die Nacht. Kaffee. Manchmal kocht Lisonka auch frischen Kaffee. Dann bleibt ein Fahrer länger. Im Sommer fährt Lisonka mit dem Auto zum See. Schwimmt am Abend eine Runde. Fährt wieder heim. Sitzt dann oft vor ihrem Supermarkt. Wartet. Oft fährt sie nicht bis zum See. Es sind über 40 KM. Der Sprit ist teuer. Aber ohne den See kann sie nicht leben. 

Tjumen #2

Tjumen war nicht mehr weit. Schnee lag überall. Überall weiße Wüste. Kälte kroch in seinen LKW. Nicht irgendeine. Bald würde er Hunger haben. Er spürte es schon deutlich. Die Tura hat er schon überquert. Moskau ist hier weit entfernt. Zumindest weit genug. 

Juri fuhr gerne LKW. Er liebte das Unterwegssein. Auch im Winter. Auch in der Kälte. In Tjumem lebte sein Bruder. War reich geworden mit Öl. Hier gab es viel Öl. Tjumen war schnell gewachsen, seit das Öl reichlich floss. Früher war hier BP gewesen. Doch die brauchte man nicht mehr. Juri hätte gern einen Sohn. Doch mit den Frauen hatte er kein Glück. Einen Sohn hätte er gerne. Sein Bruder hatte Kinder. Drei Söhne und ein Mädchen. Die Jungs schlugen sich immer. Juri hatte früher mal in Deutschland gelebt. Dort mehr Geld verdient. Schöne Euros. Hatte aber auch viel Stress gehabt. Sein Chef war nervig gewesen. Mit den Deutschen war er nicht warm geworden. Die tranken immer nur Bier. Sein Leben war jetzt entspannt. Er hielt an der Tankstelle vor Tjumen. Immer eigentlich. Manchmal tauschte er irgendetwas. Benzin. Oder was anderes. Dort gab es das beste Schaschlik. Am Feuer gegrillt. Scharf. Heiß. Während er im Schnee steht. Der Himmel weiß in der Nacht. Schneeweiß. Seine Wangen sind rot. Das Holz gibt reichlich Wärme. Er mochte die Frau vom Imbiss. Sie hatte schöne Augen. Manchmal blieb er länger. Das Schaschlik wärmte ihn. Gab neue Kräfte. Moskau mochte er nicht. Putin war ihm egal. Mit Lenin konnte Juri mehr anfangen. Der war auch in Tjumen gewesen. Aber da war der Lenin nicht mehr lebendig. Einbalsamiert hatten sie ihn hergebracht. Sollte den Feinden nicht in die Arme fallen. Tjumen ist groß geworden. Sein Bruder reich. Öl macht glücklich. Sagte sein Bruder. Früher hatte Juri Eishockey gespielt. War nicht schlecht gewesen. Ziemlich schnell auf den Kufen. Irgendwann hatte sein Knie nicht mehr mitgemacht. Im Winter aß er dauernd Schaschlik. Oder er hatte Glück beim Angeln. Er saß gerne an der Tura. Wenn er nicht unterwegs war. Oft hatte er auch die Angel im LKW dabei. Einen Taimen hatte er noch nicht gefangen. Dann würde er heiraten. Das hatte er seiner Mutter versprochen. Die Frau vom Imbiss hatte schöne Augen. Das Schaschlik wärmte ihn.